BOOK REVIEW

Rolf Aurich, Wolfgang Jacobsen, Cornelius Schnauber (eds.):
Fritz Lang
Leben und Werk, Bilder und Dokumente
His Life and Work, Photographs and Documents
Sa vie et son oeuvre, Photos et documents

Berlin: Jovis 2001
512 pages, trilingual German/English/French, many photos
Hardcover: ISBN 3931321746
Paperback: ISBN 3931321495

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Paperback
    Aurich, Jacobsen, Schnauber: Fritz Lang

Dies ist der Prachtband über Fritz Lang, herausgegeben anläßlich der Fritz-Lang-Retrospektive auf der Berlinale 2001, die mitsamt einer Ausstellung des Filmmuseums Berlin demnächst auf Tour geht: Berlin, Wien, Los Angeles, Paris -- Langs vier wichtigsten Stationen. Es ist ein dickes Buch, dreisprachig, mit umfassenden Informationen, Bild- und Textmaterial über jede Phase im Leben des Mannes, der in Interviews immer betont hatte, man möge sich nicht für sein Privatleben interessieren, sondern nur für seine Filme.

Die Herausgeber haben Langs Leben und Werk in ausführlichen Recherchen einer gründlichen Revision unterzogen. Legenden, Gerüchte, Halbwahrheiten und Vermutungen, von denen es in der Filmgeschichtsschreibung nicht wenige gibt, und von denen Lang selbst einige gepflegt hat, werden mit den nüchternen Fakten der Recherchelage konfrontiert. Alle relevanten Quellen werden geprüft und meist auch benannt (ein paar Ausnahmen: Woher stammt die Information auf S. 38, die Kinoleitung des Marmorhauses habe ohne Wissen Langs seinen Film HALBBLUT (1919) gekürzt? Wo zugänglich ist das auf S. 31/32 zitierte Drehbuch zu HILDE WARREN UND DER TOD (1917)?), und es wird auch gesagt, wo verläßliche Aussagen fehlen oder die Recherche nicht erfolgreich war. Auch das ist Filmgeschichte: Als Lang in den 1960er Jahren in Ostberlin war, sah er sich im Staatlichen Filmarchiv der DDR einige seiner frühen Filme an. Dabei trug er sich auch in ein Gästebuch ein. Es ist heute zwar im Bundesarchiv-Filmarchiv als Sammlungsstück verzeichnet, aber nicht mehr auffindbar (S. 494/496).

Fritz Lang war "ein Mann, der sich und sein Leben inszeniert hat" (S. 7), und so präsentieren die Herausgeber einige der berühmtesten Lang-Legenden im Spiegel der Fakten: Hat Lang, wie er selbst erzählt hat, vor dem I. Weltkrieg umfangreiche Europa- und Weltreisen unternommen? "Sie lassen sich nicht nachweisen" stellen die Herausgeber nüchtern fest (S.16). Ist Lang durch den Anblick New Yorks zu seiner Zukunftsvision in METROPOLIS (1927) angeregt worden? "Im Juli 1924 kündigte die Ufa die Verfilmung des Romans METROPOLIS von Thea von Harbou an. Fritz Lang und der Produzent Erich Pommer fuhren im Oktober nach Amerika." (S. 104) Und schließlich, ist Lang tatsächlich Hals über Kopf aus Deutschland geflohen, nachdem Goebbels ihn eines Tages im Jahr 1933 zu sich gebeten und Lang die Führerschaft über den nationalsozialistischen Film angeboten hat? In Tagebucheinträgen von Goebbels findet sich kein Hinweis auf so ein Gespräch, und aus Langs Reisepaß läßt sich eine überstürzte Abreise nicht ableiten. "Allein er (Lang) hat diese Geschichte erzählt und verbreitet" (S. 215). Derselbe Kommentar wäre übrigens auch im Essay über Langs Mitwirkung am CABINET DES DR. CALIGARI (1920) angebracht gewesen (S. 48-50). Dort geben die Herausgeber zwar die wesentlichen Quellen wieder, verzichten aber darauf zu betonen, daß wir auch hier ausschließlich Langs Wort haben, er sei 1. als Regisseur des Films vorgesehen gewesen und habe 2. die Anregung für die berühmte Rahmenhandlung gegeben. Der letzte Satz, der sich auf das im Archiv des Filmmuseums Berlin verfügbare CALIGARI-Drehbuchexemplar bezieht, ist sogar falsch: "(Das Ende der Rahmenhandlung, das im Drehbuch fehlt) muß erst während der Dreharbeiten erfunden und hinzugefügt worden sein." (S. 50) Es ist genauso gut möglich, daß im erhaltenen Drehbuchexemplar ein paar Seiten fehlen, oder daß ein shooting script mit dem Schlußrahmen existierte, das nach dieser Version aber vor den Dreharbeiten geschrieben wurde.

Grundlage des Buches sind die Materialien im Archiv des Filmmuseums Berlin, dem es 1997 gelungen ist, einen Teilnachlaß Langs zu erwerben, mit vielen Briefen und Dokumenten hauptsächlich aus seiner amerikanischen Zeit ab 1934. Aber das ist bei weitem nicht alles: die Herausgeber präsentieren nicht nur eigenes Archivmaterial, sondern stöberten in vielen Archiven in Deutschland und überall auf der Welt und wurden fündig. Um nur ein Beispiel zu nennen: Quelle eines Briefs Willy Leys an Lang von 1958, in dem sich Ley an die Vorbereitungen zu FRAU IM MOND (1929) erinnert, ist das Hermann-Oberth-Raumfahrt-Museum, Feucht (S. 134). Das Buch präsentiert Texte von und über Lang, zeitgenössische Besprechungen seiner Filme, Langs Briefwechsel mit Marlene Dietrich, Theodor W. Adorno, Oskar Schindler, Volker Schlöndorff und Lotte Eisner (um wiederum nur einige herauszugreifen), Filmfotos, Werkskizzen, Drehbuchauszüge, Filmplakate, Bilder von Langs Wohnungen in Berlin und Hollywood, Faksimiles von Geburts- und Taufschein, Reisepaß, FBI-Akten, Unterlagen von Standesamt und Universität, Verträge, Terminkalender, Langs Kriegstagebuch von 1915, sein Notizbuch mit Drehbuchideen, Tagebucheinträge, und immer wieder Briefe. Das meiste davon ist bisher noch nie veröffentlicht worden, vieles jetzt überhaupt erst entdeckt. Das alles ist eine wahre Fundgrube und wird vor allem für Forscher über Langs amerikanische Zeit und die Exilgeschichte ein wertvoller Ausgangspunkt sein.

Wie beginnt man, so ein Buch zu lesen, das einen mit seiner Materialfülle zu erschlagen droht? Zunächst einmal schaue ich mir an, was es über mein spezielles Interessengebiet zu sagen hat: die frühen Filme Langs, von seinen Anfängen als Drehbuchautor bis zu seiner siebten Regiearbeit KÄMPFENDE HERZEN (DIE VIER UM DIE FRAU) (1921), kurz gesagt: alles vor DER MÜDE TOD (1921), dem ersten Werk seiner "Meister"-Phase, die bekannt und in der gesamten Literatur bereits gut dokumentiert ist. Diese Vor-Phase ist erklärtermaßen nicht das herausragende Anliegen des Buches, dennoch ist sie dokumentiert und ich finde auch dazu Texte und Bilder: ein Essay über frühe Drehbücher, ein bißchen über HALBBLUT und DER HERR DER LIEBE (beide 1919), seine Mitwirkung an CALIGARI (siehe oben) und der HERRIN DER WELT (1919/20), etwas mehr über HARAKIRI (1919), etwas weniger über DAS WANDERNDE BILD (1920) und KÄMPFENDE HERZEN (1921). Über die beiden Teile seiner Abenteuerserie DIE SPINNEN (1919/20), die wohl bekanntesten seiner frühen Filme, gibt es keinen Text, aber einen vierseitigen Bildteil. Der Höhepunkt (für mich) ist die Starpostkarte von Gilda Langer auf S. 41!

Der wohl interessanteste Text aus diesem Teil des Buches ist der Essay über den "Fall Elisabeth Rosenthal", Langs erster Ehefrau, die im September 1920 in der gemeinsamen Wohnung in Berlin durch einen Schuß in die Brust starb. Die Tatsache, daß über diesen Todesfall bisher wenig bekannt war, hat zu weiterer Legendenbildung in der Filmgeschichtsschreibung geführt. Zuletzt reimte sich der amerikanische Autor Patrick McGilligan in seinem Buch "Fritz Lang, The Nature of the Beast" (1997) zusammen, daß Lang selbst auf den Abzug gedrückt habe, um freie Bahn für die Affäre mit seiner späteren zweiten Ehefrau Thea von Harbou zu haben (eine Darstellung, die durch Georges Sturm überzeugend als sensationslüsterne Mischung aus Halbwahrheiten, absichtlich falsch interpretierten Quellen und Spekulationen widerlegt wurde, "The Lady Vanishes", FilmGeschichte, Newsletter der Stiftung Deutsche Kinemathek Nr. 11/12, Mai 1998, S. 13-19). Leider hatte auch Professor Cornelius Schnauber zu dieser Legendenbildung beigetragen. Er hatte Lang in dessen letzten Lebensjahren gut gekannt und in seinem Buch "Fritz Lang in Hollywood" (1986) die geheimnisvolle Bemerkung gemacht, es sei "kaum möglich, das Werk Langs zu analysieren, ohne auf ein ganz wesentliches Ereignis zurückzugreifen, das sich (...) am Anfang seiner Karriere zugetragen hat." (S. 8) Lang und seine dritte Ehefrau Lily Latté hätten dieses Ereignis ihm gegenüber nur ein einziges Mal angedeutet und als äußerst vertraulich beschrieben, so daß Schnauber es sich versagt habe, darüber zu schreiben -- eine Geste der Freundschaft dem Menschen Lang gegenüber. Da Schnauber aber nicht nur als Freund Langs auftrat, sondern auch als Filmhistoriker, der sich mit Lang befaßt, handelte es sich hier vor allem um die Anmaßung eines privilegierten Erkenntniszugangs: ein Filmhistoriker behauptete, er besitze eine Information über Lang, die er in seine Forschungen einfließen lassen kann, aber anderen Forschern nicht zugänglich macht. Statt über diese Information zu schweigen, betonte er ihre Wichtigkeit. Die naheliegende Vermutung ist, daß Schnauber damals den Tod von Langs erster Frau meinte, und jetzt tritt er neben Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen vom Filmmuseum Berlin als Mitherausgeber des vorliegenden Buches auf, in dem der Fall doch aufgerollt wird. Die Herausgeber tragen trocken die bekannten Fakten zusammen und haben sogar neue Dokumente entdeckt, nach denen andere Forscher vergeblich gesucht hatten, nämlich die Beerdigungs-Anmeldung für den Friedhof Weißensee, die den Vermerk des Arztes "Brustschuß, Unglücksfall" trägt, den vom Amtsgericht Charlottenburg ausgestellten Beerdigungsschein, und die Bestätigung der polizeilichen Anmeldung der Beerdigung. Sie kommen zu dem Schluß, daß eine Beteiligung Langs an dem Todesfall nicht nachgewiesen werden kann (S. 59-64). Die weitgehend unbekannte Geschichte von Rosenthals Tod, aber auch ihre Entmystifizierung durch die Detektivarbeit der Herausgeber, hat dem Buch und der Fritz-Lang-Retrospektive im Vorfeld der Berlinale zu einiger Publizität verholfen (z.B. Andreas Conrad: Fritz Lang vom Mordverdacht freigesprochen. Der Tagesspiegel, Berlin 31.01.2001, S. 14).

Insgesamt erweckt der Teil des Buches über den frühen Lang einen recht uneinheitlichen Eindruck, was wohl an dem unterschiedlichen Material liegt, das den Herausgebern zur Verfügung stand. Es drängt sich aber die Frage auf, warum eine Filmografie mit Inhalts- und Stabsangaben fehlt, insbesondere da einige gerade der frühen Filme für die Retrospektive in neu restaurierten Fassungen zur Verfügung gestellt wurden. Da hätte man sich gewünscht, im großen Fritz-Lang-Buch mehr zu sehen (Fotos aus den Kopien!) und zu lesen (z.B. auch über die Filmfunde und Restaurationsarbeiten). Ähnliches wirft auch der Kritiker der F.A.Z. dem Buch vor: ein "Steinbruch" sei es, eine "allzu wenig strukturierte Sammlung von Textfragmenten und Bildern, die Material zu einer Studie über Lang bereitstellt, ohne selbst eine zu sein." Aber ist das alles nicht kleinliche Kritik? Erstens sind die Programmblätter, die auf der Berlinale vor dem CinemaxX 9 zu den Filmen des jeweiligen Tages auslagen, als kleines Heft des Filmmuseums Berlin erhältlich (Klaus Hoeppner (Red.): Fritz Lang, Programmblätter und Materialien, Filmografische Daten, Kritiken und Informationen zu sämtlichen Filmen der Retrospektive 2001, 100 Seiten), und zweitens: Darf man einem Buch vorwerfen, daß es etwas nicht enthält, was man sich persönlich gerne gewünscht hätte? Darf man einem Krimiautor vorwerfen, man hätte lieber einen Science-Fiction-Roman gelesen? Das kann nur sinnvoll sein, wenn entweder das Buch seinen eigenen Anspruch nicht erfüllt, oder wenn dieser Anspruch offensichtlich nicht hoch genug gesteckt war. Letzteres wäre z.B. der Fall, wenn jemand versuchte, ein neues Fritz-Lang-Buch aus Texten aus Fernsehzeitungen oder aus drei anderen Fritz-Lang-Büchern zusammenzustellen. Nicht nur liegt das hier nicht vor, der Anspruch des Buches ist auch noch ein besonders ehrenwerter und wird auch erfüllt: Präsentation des eigenen Archivmaterials und möglichst vieler weiterer Quellen. Daß hier das eine oder andere fehlt, was man sich auch noch wünschen könnte, kann man dem Buch schwerlich vorwerfen. Vielmehr sei notiert, daß jetzt viele Quellen vorliegen, die Ausgangspunkt sein werden für neue Recherchen, wissenschaftliche Abschlußarbeiten und vielleicht weitere Entdeckungen. Die Quellen sind durch dieses Buch ohne weiteres zugänglich, in jeder Filmbibliothek der Welt, und das ist ein großer Schritt vorwärts für uns, die wir uns für Fritz Lang interessieren.

Allenfalls zu beanstanden ist der auftrumpfende Stil des Presse-Waschzettels zum Buch, der poltert und Phrasen drischt: "Es gilt, eine der wichtigsten und schillerndsten Persönlichkeiten der Filmgeschichte in seinen Meisterwerken und als Person neu zu entdecken", "wie so oft zeigt sich, dass das reale Leben spannender war als alle geglätteten Legenden", usw. usf. Aber das hat ein Verlagsvolontär geschrieben, der das für journalistisch hält, und dessen Stil ist weit entfernt von dem der Buchautoren: "Der Blick auf Fritz Lang kann nun erweitert werden." (S. 9) -- derart bescheiden und leise kommen sie daher, wohl wissend, daß ihre Leistung keine großen Worte braucht, um auf sich aufmerksam zu machen.

OLAF BRILL
05 Mar 2001

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Last update (this page): 21 Jul 2004.

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