DVD REVIEW

DIE ENDLOSE NACHT –
NEBEL ÜBER TEMPELHOF (1962/63)

Regional Code 2
82 mins + Extras 56 mins
moviemax / Universum Film
released 30 November 2012

Bei amazon.de bestellen


    Die endlose Nacht

1962, da gab es in Deutschland die Filmkrise: Die Leute gingen nicht mehr ins altbackene Kino, sie fühlten sich vom neuen Medium Fernsehen bequemer unterhalten. Auf der anderen Seite scharrten schon die jungen Wilden mit den Hufen: Sie wollten einen neuen deutschen Film machen, der wirklich etwas zu sagen hatte, gesellschaftlich relevant war und das Leben zeigte, wie es ist. Und dann gab es Außenseiter, die zwischen den Stühlen saßen, weder Papas Kino noch der jungen Szene angehörten und einfach gute Filme machen wollten. So einer war Will Tremper.

Tremper war Reporter gewesen und damit sehr bekannt geworden. Er hatte auch schon Drehbücher geschrieben für einige Filme, die den jungen Horst Buchholz zum Star gemacht hatten (u.a. DIE HALBSTARKEN, 1956), und bei einem Film Regie geführt, für den er einen Finanzier gefunden hatte (FLUCHT NACH BERLIN, 1960/61). 1962 hatte er dann die Idee für einen Film, der komplett auf dem Berliner Flughafen Tempelhof spielen sollte: Wegen Nebels sind alle Flüge gestrichen, und zahlreiche Fluggäste sitzen für eine Nacht auf dem Flughafen fest. So finden Begegnungen und Trennungen statt, Zukunftspläne entstehen und zerplatzen, und am nächsten Tag fliegen die Flugzeuge wieder und das Leben geht weiter. Ein Bild der bundesdeutschen Gesellschaft im Wartezustand, verdichtet, doch näher an der Realität als die meisten Filme der 1950er Jahre.

Für diesen Film kratzte Tremper Geld aus unterschiedlichen Quellen zusammen: eine Drehbuchprämie des Bundesfilmpreises, eine Hypothek auf sein Haus, ein Zuschuss des unkonventionellen Verleihers Hanns Eckelkamp, Schauspieler, die fast umsonst für ihn arbeiteten. Und dann drehte er in knapp über einem Monat Drehzeit NEBEL ÜBER TEMPELHOF am Originalschauplatz, nachts zwischen Ende und Beginn des Flugbetriebs. Er arbeitete ohne festes Drehbuch, nur mit Figurenkonstellationen, und erzählt eine Reihe von Geschichten, die er kunstvoll miteinander verflicht. Eine polnische Jazzkapelle, die zufällig vor Ort ist, wird ebenso in die Handlung eingebaut wie der kurz vorbeischauende Mario Adorf, der damals schon ein Filmstar war. Nebendarsteller holt Tremper von der Straße. Die junge Hannelore Elsner fliegt aus München ein, eine Nebenrolle am Theater lässt sie für die Nebenrolle bei Tremper sausen. Sie spielt ein verlorenes Filmsternchen, das am Ende von ein paar Halbstarken abgeschleppt wird. Obwohl das nur eine ganz kleine Rolle ist, die keine große Schauspielkunst verlangt, spricht Elsner noch heute mit leuchtenden Augen von Trempers Film.

Uraufgeführt wurde DIE ENDLOSE NACHT, wie der Film auf Vorschlag Joe Hembusí schließlich genannt wurde, im Mai 1963 da wo er gedreht wurde: um Mitternacht in der Haupthalle des Flughafens Tempelhof. Gäste aus Kultur und Politik waren geladen. Um vier Uhr morgens musste die Party zuende sein. Denn da kamen die Putzfrauen.

Der Film, obwohl damals kein kommerzieller Erfolg, zeigt, dass der deutsche Film Anfang der 1960er Jahre besser sein konnte als sein Ruf. Er ist ein echter Geheimtipp und war in den letzten Jahren immer mal wieder Highlight kleinerer Filmfestivals (zuletzt cinefest). Jetzt ist er auch auf DVD erhältlich, im Schuber, als Extras gibt es u.a. Beiträge mit Hannelore Elsner, Tremper-Sohn Timothy und Komponist Peter Thomas (jawohl, neben einer exzellenten Besetzung waren auch hinter den Kulissen erstklassige Mitarbeiter beteiligt!) und als Print-Beigaben gleich zwei Booklets, u.a. ein Faksimile des Atlas-Programmheftes aus dem Jahr 1963. Die Hauptsache aber: Nun gibt es diesen schönen Film für zuhause in hochwertiger neuer HD-Abtastung, restauriert unter Verwendung zweier 35mm-Filmkopien im Breitwandformat Ultrascope.

OLAF BRILL
29 Jan 2013

back to topback to top

filmhistoriker.de, edited by olaf brill.

Last update (this page): 29 Jan 2013.

The texts and images on this site are copyright © by the respective authors, except where otherwise noted. Mostly, the items were published by kind permission, but we were not able to find out all the copyright holders or their legal successors. If you know about them, please let us know, especially if there's anything wrong with publishing these texts or images. We do not intend to harm anyone's rights and thought we best serve the purpose of understanding film and general history displaying this source material and make it available for everyone.

If no author or source is noted, the texts are copyright © 1996-2013 Olaf Brill.

Impressum