BOOK REVIEW

Sebastian Hesse
Kamera-Auge und Spürnase
Der Detektiv im frühen deutschen Kino

Basel, Frankfurt am Main: Stroemfeld/ Roter Stern 2003 (KINtop Schriften 5)
312 pages, German text
ISBN 3878777655

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    Kamera-Auge und Spürnase

Abstract in English: The detective film was a popular genre in German cinema of the 1910s. The book is covering the rise, development, and eventual demise of German detective film, locating its origin in the Groschenheft (dime novel) detective rather than the classical detective à la Poe or Doyle. Interesting connections are being shown, like the influence of the French ZIGOMAR series, and the importance of authors like the forgotten Paul Rosenhayn who wrote novels and film scripts as well. Fritz Lang's DR. MABUSE, DER SPIELER is being analyzed as final climax and conclusion of the detective film genre.

In den 1910er Jahren wimmelte das deutsche Kino vor Leinwand-Detektiven: Stuart Webbs, Joe Deebs, Harry Higgs, Joe Jenkins und viele andere waren die ersten Action-Helden der Filmgeschichte. Der Boom umspannte Kaiserzeit, Krieg, beginnende Weimarer Demokratie, und endete zu Beginn der 1920er Jahre, jener Zeit, in der bei Kracauer die deutsche Filmgeschichte erst beginnt. Hesse zeigt virtuos, wie das Kino der Detektive entstand, sich weiterentwickelte, und warum es dann verschwand. Ausgangspunkt seiner Recherchen sind die Groschenheft-Serien der frühen Jahre des 20. Jahrhunderts, zu denen er ausführliche Studien betrieben hat. Seine These ist, dass die Detektiv-Groschenhefte und die Detektiv-Filmserien einander näher sind als die Detektiv-Filmserien den klassischen Detektivgeschichten à la Poe und Doyle. Beide neuen Medien waren den Produktions- und Rezeptionsbedingungen des neuen Jahrhunderts angepasst, und Studium dieser oft mit intellektueller Überheblichkeit als trivial verpönter Phänomene trägt dazu bei, das neue Jahrhundert zu verstehen.

Hesse hat jahrelange Recherchen betrieben, in Archiven überall auf der Welt Kopien der erhaltenen Filme aufgespürt und angesehen, und dank dieser Arbeit wissen wir jetzt mehr und genaueres über den frühen deutschen Detektivfilm. Sein Verdienst ist es, auf Victorin Jassets französische ZIGOMAR-Filme hinzuweisen, aus deren mythologischem Fundus sich viele der heute berühmteren Filme bedienten. So werden z.B. sonst immer nur Louis Feuillades Serien FANTOMAS und DIE VAMPIRE genannt, wenn es darum geht, woher die Motive aus Fritz Langs DIE SPINNEN und DR. MABUSE stammen. (Franzosen! Bringt ZIGOMAR auf DVD!) Ebenso verdienstvoll die Forschungsarbeit zu dem vergessenen deutschen Kriminalschriftsteller und Filmautor Paul Rosenhayn (1877-1929), dem Hesse einen längeren Exkurs widmet. Das Besondere an Rosenhayn, so Hesse, ist, dass er wie kein anderer für einen neuen Autorentypus stehe, der in ebenjener Zeit entstand: den Lieferanten sowohl für Printmedien als auch den Kinematographen. Rosenhayn schrieb Romane wie Elf Abenteuer des Joe Jenkins und Die Insel der Träume und lieferte Drehbücher u.a. für die Sherlock-Holmes-, Harry-Higgs- und Tom-Shark-Serien, und natürlich seinen eigenen Joe Jenkins.

Ende der 1910er Jahre war der Detektivfilm verbraucht, das Publikum sehnte sich nach anderen Sensationen, die es dann im exotischen Abenteuerfilm und dem klassischen expressionistischen Film fand. Hesse analysiert Langs DR. MABUSE, DER SPIELER von 1922 als letzten Höhepunkt und Abschluss des Detektivfilms (abgesehen von Nachläufern wie den Stuart-Webbs-Filmen der 1920er Jahre oder Langs eigenem SPIONE von 1928): "Nicht mythische Vergangenheit oder imaginäre Zukunft bilden den Hintergrund von Langs Porträt eines dämonischen Verbrechergenies, sondern die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse der Nachkriegszeit, der jungen deutschen Demokratie. Auf dieser Folie plaziert Lang einen master detective versus master criminal-Plot, der aus den 1910er Jahren stammen könnte." (S. 216)

Hesses Buch ist ein wichtiger Beitrag zu unserem Verständnis des deutschen Films in jener von Kracauer als unbedeutend charakterisierten Zeit vor CALIGARI, und es ist faszinierend, wie viel weitere Forschungsarbeit auf dieser Grundlage möglich ist, siehe die Detektivfilm-Filmographie auf den Seiten 260-291. Der vorliegende Band aber darf in keiner Filmbibliothek fehlen.

OLAF BRILL
13 Apr 2004

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filmhistoriker.de, edited by olaf brill.

Last update (this page): 21 Jul 2004.

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