AUDIO CD REVIEW

Fritz Lang -- Eleanor Rosé
Briefwechsel gelesen von Udo Samel und Susanne Lothar

Zurich: Kein & Aber Records 2001
Approx. 54 mins.
ISBN 303691109X
EFA 232522

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    Fritz Lang -- Eleanor Rose

Eine Überraschung aus Zürich! In Zusammenarbeit mit dem Filmmuseum Berlin hat der Schweizer Hörbuch-Verlag Kein & Aber Ausschnitte aus dem umfangreichen privaten Briefwechsel zwischen Fritz Lang (1890-1976) und seiner lebenslangen Freundin Eleanor Rosé (1894-1992) veröffentlicht, gelesen von den beiden preisgekrönten deutschen Schauspielern Udo Samel (* 1953) und Susanne Lothar (* 1960), die während der letztjährigen Berlinale schon eine Lesung desselben Stoffes gegeben haben: "Caesar und Cleopatra", die Kosenamen, mit denen Lang und Rosé sich manchmal anreden; zeitweise wechseln auch Grüße und Briefe zwischen Langs Stoffaffe Peter und Rosés Katze Magali.

Der Briefwechsel befindet sich seit 1997 im Archiv des Filmmuseums Berlin und ist Teil des Materials, das die Grundlage für die Fritz-Lang-Retrospektive der Berlinale, die Fritz-Lang-Ausstellung und das prächtige Begleitbuch bildete, das im letzten Jahr veröffentlicht wurde. In diesem Begleitbuch wurden einige der Briefe im Faksimile, andere ausschnittsweise veröffentlicht, und jetzt bietet das vorliegende Hörbuch einen weiteren Blick in das vorliegende Material (bei weitem keinen vollständigen!). Die Auswahl aus der Jahrzehnte lang geführten Korrespondenz (1933-1976) konzentriert sich auf die 1960er Jahre. Dazu kommen: 1. ein Prolog aus dem Jahr 1945: ein Ausschnitt aus einem Brief Langs, in dem er Deutschland den Rücken kehrt, 2. ein später Brief Langs vom 27. Mai 1974 (heute wie vor 28 Jahren der vierte Montag im Mai, Memorial Day in Amerika), und 3. ein Epilog aus dem Jahr 1976: der Brief, den Eleanor Rosé Langs Witwe Lily Latté wenige Tage nach seinem Tod schrieb, ein herzergreifender Rückblick auf ihrer beider Leben!

Dürfen wir uns für Fritz Langs Privatleben interessieren? Er hatte stets betont, darüber gebe es nichts öffentlich zu sagen: man solle sich nur seine Filme ansehen. Zweifellos ist aber der Privatmann Fritz Lang eine interessante öffentliche Gestalt, und so interessiert uns selbstverständlich, was er in seinen privaten Briefen, die nie zur Veröffentlichung gedacht waren, seiner Vertrauten zugeflüstert hat. Manches sind Details, die uns einen Lang zeigen, den er uns nie präsentieren wollte: etwa wenn Lang, dessen Augenlicht immer mehr nachließ, vor dem Schlafengehen Pillen schlucken und sich die Augen eintropfen geht (28.08.1963, Titel 12). Interessiert erkundigt er sich bei Rosé, die in London wohnt: "...werden auf eurem Tele schon die Avengers gezeigt, mit der Kuh, Verzeihung: Ziege, die Diana Rigg ersetzen soll?" (27.06.1968, Titel 16. Gemeint ist Linda Thorson in MIT SCHIRM, CHARME UND MELONE; lieber Udo Samel: das Wort "Avengers" wird auf der zweiten Silbe betont: Avengers.) Interessant ist es, wenn Ereignisse aus der Welt- oder Filmgeschichte, auf die die Briefe anspielen, auf eine sehr persönliche Weise lebendig werden, z.B. die Markteinführung der Pille (1960), die Entstehung von Joseph Mankiewicz' CLEOPATRA mit Elizabeth Taylor (1963) oder Adornos Tod (1969). Einen Brief schrieb Lang am 28. August 1963, dem Tag von Martin Luther Kings "I have a dream"-Rede. Originalton Lang: "Eine schöne Zeit haben sich unsere Eltern ausgesucht, uns in die Welt zu setzen!"

Die Vorlesung von Samel und Lothar ist gelungen, man kann die CD immer wieder hören. Viel versprechend ist die Verwendung des Mediums Hörbuch (jetzt populärer denn je, siehe den Erfolg von Rufus Becks Harry-Potter-Lesungen): Hier wird es benutzt, um filmgeschichtliche Inhalte vorzutragen, die 1. nirgends vorliegen, außer in einem Archiv, zu dem wohl nur wenige Forscher tatsächlich reisen werden, um diese Briefwechsel nachzulesen, und 2. für eine neue Rezeptionssituation dargeboten werden: Das Medium eröffnet die Möglichkeit, den Stoff z.B. während einer Autofahrt zur Kenntnis zu nehmen, oder in einer vollbesetzten U-Bahn, wo man kein Buch zur Hand nehmen würde. Das Hörbuch ist ein geeignetes Medium, um manche Inhalte tatsächlich Fachleuten und anderen Interessierten zur Kenntnis zu bringen, die sonst in den Archiven verstauben würden. Ein Weg, den wir öfter beschreiten sollten. Gerade Fritz Lang bietet dazu, glaube ich, einige Ansatzpunkte.

OLAF BRILL
27 May 2002

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filmhistoriker.de, edited by olaf brill.

Last update (this page): 21 Jul 2004.

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