BOOK REVIEW

Georges Sturm:
Die Circe, der Pfau und das Halbblut
Die Filme von Fritz Lang 1916 - 1921

Trier: WVT Wissenschaftlicher Verlag Trier 2001
(Filmgeschichte International Band 8)
248 pages, German text
ISBN 3884764349

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    Georges Sturm: Die Circe, der Pfau und das Halbblut

Über die frühen Filme Fritz Langs ist kaum etwas bekannt. Standardwerke wie Eisners Fritz Lang (1976), Grafe/ Patalas' "Reihe Film"-Band über Lang (1976, 1987) oder Otts The Films of Fritz Lang (1979) widmen ihnen allenfalls ein paar Seiten, und beginnen die ernsthafte Diskussion seiner Filme mit DER MÜDE TOD (1921), dem ersten Werk seiner "Meister"-Phase. Vernachlässigt wurden die Filme, die Lang als Drehbuchautor für andere Regisseure schrieb und seine ersten sieben Filme als Regisseur. Für diese Vernachlässigung gibt es zwei Gründe: 1. die Filme vor DER MÜDE TOD galten als wenig bedeutende Frühwerke (vielleicht mit Ausnahme der SPINNEN (1919/20)), als Vorgeschichte vor der Meisterwerk-Phase -- auch Lang hat dieser Ansicht zugestimmt; im Interview mit Peter Bogdanovich (1967) sagte er über HALBBLUT (1919): "Ich brauchte dafür fünf Tage, glauben Sie, er könnte gut sein?"; 2. ein Großteil des Frühwerks war einfach unbekannt, schwer zugänglich oder verschollen; die oben erwähnten Bücher konnten nicht mehr über die Filme vor DER MÜDE TOD enthalten, weil die Autoren die meisten dieser Filme nicht kannten -- so waren, als ihre Bücher erschienen, HARAKIRI (1919) noch nicht restauriert und DAS WANDERNDE BILD (1920) und KÄMPFENDE HERZEN (1921) noch nicht wiederentdeckt.

Georges Sturm beginnt, diese Lücke zu schließen, mit einem Buch, das in Anlehnung an Figuren aus Langs frühen Filmen den wunderschönen Titel trägt: Die Circe, der Pfau und das Halbblut. Sturm geht aus von seiner akribischen empirischen Forschungsarbeit: er gräbt bisher nicht bekannte oder nicht berücksichtigte Fakten aus, präsentiert sie in einem Feuerwerk an Information, und gelangt zu einer kundigen Analyse, in der er diese Fakten in einen sinnfälligen Zusammenhang stellt und damit einen neuen Blick auf Langs Frühwerk öffnet, das von nun an genau so eine Rolle im filmhistorischen Diskurs spielen dürfte wie die späteren "Meisterwerke".

Sturms Grundlage sind vor allem die vier bedeutendsten zeitgenössischen Film-Fachzeitschriften Lichtbild-Bühne, Film-Kurier, Der Film und Der Kinematograph. Diese Quellen ist er sorgfältig durchgegangen und dabei in Filmkritiken, Anzeigen, redaktionellen Beiträgen und Produktionsmeldungen auf allerlei verwertbare Information gestoßen. Er fügt den Lang-Filmografien sogar einen Titel hinzu: HAZARD (1921) entstand, wenn wir einigen kleinen Produktionsmeldungen folgen wollen, nach einem Drehbuch von Fritz Lang! Sturm verwirft jedoch die Idee, Lang sei auch noch identisch mit dem Regisseur Frederik Larsen (S. 69-71). Einige kluge Gedanken könnten in der Lage sein, Aufschluß zu geben über ein paar mysteriöse Filme, die in Produktionsmeldungen zwar erwähnt aber anscheinend nie produziert wurden: war Der König der Bohème vielleicht der Arbeitstitel für BETTLER G.M.B.H. (S. 16) und Die Frau mit den Orchideen der für TOTENTANZ (S. 88)? Ganz nebenbei erfahren wir etwas über so wichtige Personen wie z.B. Alwin Neuß, Otto Rippert, Josef Coenen, Wolfgang Geiger, Carola Toelle, Hella Moja oder Carl Hoffmann (nicht jedoch über z.B. Julius Sternheim oder Hermann Warm, was man sich auf den S. 26/27 gewünscht hätte). Und dann gibt es noch die kleinen Entdeckungen, die ganz offensichtlich waren, die aber keiner außer Sturm gesehen hat: so sind z.B. die Romanfassungen der SPINNEN als Fortsetzungsgeschichte im Film-Kurier vollständiger als die der später erschienenen Buchfassungen. Cornelius Schnauber, der die Romane 1987 neu herausgebracht hat, hatte sich damit zufrieden gegeben, die gekürzten Buchfassungen zu übernehmen (S. 131-137).

Die Circe, der Pfau und das Halbblut besteht aus fünf größeren Teilen:

  1. "Also rasch die Treppe hinauf!" (S. 20-73), einem Karriereüberblick über die entscheidenden Jahre 1919-1921, insbesondere mit einer Aufschlüsselung Langs Tätigkeit bei der Decla-Film-Gesellschaft, akribisch recherchiert hauptsächlich aus Meldungen der Fachpresse,
  2. "Die Circe, der Pfau und das Halbblut" (S. 74-146), zu den einzelnen Filmen bis DIE SPINNEN (vorläufiges Ende Langs Decla-Zeit), mit ausführlicher Wiedergabe von Filmkritiken und einer Analyse der wiederkehrenden Erzählmotive,
  3. "LILITH UND LY, Vamp(ire) im Spiegel" (S. 147-165), einer längeren Abhandlung zu Langs einzigem österreichischen Film und (nicht erhaltenem) "Schlüsseltext" (S. 147) LILITH UND LY,
  4. "Die Madonna in der Diele" (S. 166-187), zu den Filmen mit Thea von Harbou, inklusive Betrachtungen ihrer Arbeit als Drehbuchautorin bei der May Film-G.m.b.H., und
  5. "Dreiundzwanzig Jahre später: "Mona Lisa Without The Smile"" (S. 190-217), einer Analyse zu SCARLET STREET (1945), dreiundzwanzig Jahre nach KÄMPFENDE HERZEN, mit der Sturm seinen Bogen schließt.

Sturm ist stärker in den Analysen in 3 und 5, in denen er seine vorher erarbeiteten empirischen Grundlagen zur Basis tief gehender kulturgeschichtlicher Betrachtungen macht. Er zeigt, daß der Blick auf Langs frühe Filme nicht aus Richtung der späteren "Meisterwerke" erfolgen darf: "Die Filme dieser ersten Periode können nicht in retrospektiver Lesart als embryonale Formen oder erste Buchstabierversuche für spätere Filme betrachtet werden." (S. 17) Sondern sie müssen als Ergebnis der davor liegenden kulturellen und geschichtlichen Ereignisse und Diskurse des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts gesehen werden. Lang verarbeitet darin zeitgenössische Themen der Kaiserzeit und Weimarer Republik, und Sturm zeigt, daß Langs frühe Filme dessen Auseinandersetzung mit den Motiven Exotik, Rasse, Sex, Frau und Tod sind. Aus der Circe-Kritik von Frank Arnold (Süddeutsche Zeitung, s.u.): "Was in anderen Händen eine reine Materialsammlung hätte werden können, fügt sich hier zur schlüssigen Analyse".

Das ganze Buch ist sowohl eine schlüssige Analyse als auch eine Materialsammlung, die auch für Erforscher anderer Themen oder Verfechter anderer Argumente Ausgangspunkt und Arbeitsgrundlage sein kann. Ein Teil der Arbeit ist damit schon getan, und es wird unsere Aufgabe sein (und die künftiger Forscher), mehr beizutragen zum Bild des frühen Lang. Hier ein paar Ansatzpunkte zunächst einmal möglicher weiterer Detektivarbeit: Eine zentrale unbeantwortete Frage der Erforschung des frühen deutschen Films ist, wie wir Meldungen in Film-Fachzeitschriften zu lesen haben, z.B. über Beginn und Ende von Dreharbeiten. Sind diese Meldungen journalistische Recherche und einigermaßen akurat, oder bloße Wiedergabe von Pressemeldungen der Filmgesellschaften und zeitlich nicht am Termin der wirklichen Dreharbeiten orientiert, sondern am Termin der Pressekampagne zum jeweiligen Film? Sind sie eher voreilig oder eher verspätet? Wie verspätet? Sturm diskutiert diese Fragen nicht und macht damit nicht deutlich, ob Dreharbeiten tatsächlich zu den angegebenen Zeiten stattgefunden haben oder nicht. So gibt er als Drehzeit für den Film DIE EHE DER FRAU MARY (1919) 30.08.-11.10.1919 an (gleich zweimal, auf den S. 27 und 56), ohne zu sagen, daß diese Daten lediglich die Abdruckdaten von Meldungen in Film-Fachzeitschriften markieren, die den Anlauf bzw. das Ende der Dreharbeiten verkünden. Zu den CALIGARI-Dreharbeiten schreibt Sturm (ohne Quellenangabe), sie hätten am 9. Januar 1920 begonnen, "parallel zu denen von DAS BRILLANTENSCHIFF" (S. 58). Das steht nicht nur im Widerspruch zu seiner eigenen Äußerung zwei Seiten zuvor, die Dreharbeiten zu DAS BRILLANTENSCHIFF hätten von Oktober bis November 1919 stattgefunden (S. 56), sondern auch im Widerspruch zur CALIGARI-Quellenlage (ein Drehbericht erschien bereits am 6. Januar 1920 im Film-Kurier). Auch die Datierung, Pommer hätte für die Decla erst nach der Vertragsunterzeichnung mit dem Hagenbeck-Tierpark in Hamburg-Stellingen Mai 1919 das Drehbuch Butterfly von Max Jungk gekauft, um diesen exotischen Stoff in Hamburg zu drehen (S. 49), läßt sich nicht halten: bereits am 14.09.1918 erschien eine Anzeige der Decla in Der Film, die verkündete, die Dreharbeiten zu Madame Butterfly seien "in vollem Gange", begleitet von einem Text im redaktionellen Teil. Der Stoff wurde also schon sehr viel früher erworben. Dies alles sind Ansatzpunkte, wo man weitermachen könnte mit der Forschung. Die Filmgeschichte ist ein Puzzlespiel. Und es erfreut zu sehen, daß ein Teil des Puzzles schon zusammengesetzt ist.

OLAF BRILL
14 Jul 2001

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Last update (this page): 21 Jul 2004.

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