FILM FRAU IM MOND (GER 1929)

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    Frau im Mond (1929)

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FRAU IM MOND
THE GIRL IN THE MOON
LA FEMME DANS LA LUNE

Directed by: Fritz Lang.
Written by: Thea von Harbou
(from her novel).
Production company: Universum Film AG (UFA), Berlin.
Photography: Curt Courant,
Oskar Fischinger,
Otto Kanturek,
Konstantin Tschetwerikoff.
Set design: Emil Hasler,
Otto Hunte,
Karl Vollbrecht.
Cast: Klaus Pohl (Prof. Georg Manfeldt),
Willy Fritsch (Wolf Helius),
Gustav von Wangenheim (Hans Windegger),
Gerda Maurus (Friede Velten),
Gustl Stark-Gstettenbaur (Gustav),
Fritz Rasp (the man who at present calls himself Walt Turner),
Tilla Durieux, Hermann Vallentin, Max Zilzer, Mahmud Terja Bey, Borwin Walth (five brains and cheque-books),
Margarete Kupfer (Frau Hippolt, Helius' housekeeper),
Max Maximilian (Grotjan, Helius' chauffeur),
Alexa von Porembsky (a salesgirl of violets),
Gerhard Dammann (foreman),
Heinrich Gotho (the lodger from the 2nd floor),
Karl Platen (man at the microphone),
Alfred Loretto, Edgar Pauly (two unmistakable characters)
Josephine the mouse.
Studio / Locations: Ufa-Atelier Neubabelsberg,
(shot October 1928 - June 1929).
Première: 15 Oct 1929, Ufa-Palast am Zoo, Berlin.
Censorship data: Berlin 25 Sep 1929 (no. 23564), 11 acts, 4365 m, suitable for all.
Restoration data: 2001: restored by the Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung, Wiesbaden. Première 17 Feb 2001, Berlin film festival (Berlinale). Released on dvd 2003 (divisa Home Video, Spain).   Review



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ABSTRACT



5 -- 4 -- 3 -- 2 -- 1 -- 0! Germany starts to the moon in 1929! Fritz Lang's post METROPOLIS science fiction film depicts a space voyage in which the travellers hunt for Moon's gold treasury. When the oxygen tank of the space ship gets damaged, one of the men must stay behind to secure the others' safe return to Earth. The hero stays on Moon -- and discovers that the woman he loves stayed with him.




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REVIEWS



Glänzender Start der "Mondfahrt"
Der neue Fritz-Lang-Film



Der Verlauf der Festvorstellung

Der größte Abend der Saison -- man fragt nicht einmal mehr, ob Tonfilm oder stummer Film. Von Fritz Langs Ufa-Film erwartet man nur eine ganze Leistung.

Selten hat man in Berlin eine Filmpremiere unter so festlichem Zeichen, mit so imponierender Aufmachung gesehen wie gestern im Ufa-Palast am Zoo.

Der Verein Berliner Presse veranstaltete die Uraufführung als Festvorstellung für seine Wohlfahrtszwecke. Das ausverkaufte Haus hat ihm gewiß einen namhaften Betrag gebracht.

Für den europäischen Film bedeutet der Abend aber viel mehr: Er bringt endlich wieder den stummen großen Film, auf den man von Paris bis Moskau seit Pudowkins "Sturm über Asien" gewartet hat. Ein Film der Idee und der nicht alltäglichen Ausmaße. Die Erwartungen wurden übertroffen.

Fritz Lang macht keine Konzessionen an den Berliner Tagesgeschmack. Thea v. Harbou und er haben ihren eigenen Stil, ihre eigene Aktualität. Darum ist jeder Lang-Film ein Sonderfall. Diesmal ein besonders erfreulicher.

Man will den Film in Richtungen und Schulen zwängen. Fritz Lang steuert ihn wieder dahin, wo ihn die Mehrheit des deutschen Filmtheater-Publikums haben will. Das deutsche Filmtheater, der deutsche Theaterbesitzer werden davon den größten Vorteil haben. Außer den "Nibelungen" verdiente kein Fritz-Lang-Film so die Popularität im deutschen Volke wie dieser.

Der Festabend selbst verlief unter den günstigsten Auspizien.

Zweitausend Menschen folgten teilnehmend und ehrlich begeistert dem Schauspiel auf der Leinwand. Bei der Abfahrt der Mondrakete rasender Beifall. Endlose Ovationen am Schluß.

Auch Schmidt-Gentner nahm daran teil, der die Illustration besorgte und einen eigenen Schlager "Heimlich singt für uns die Liebe" beisteuerte. In der nächsten Musikbeilage des "F.-K." wird darüber ausführlich berichtet.

Ein illustres Publikum. Der amerikanische Botschafter -- Köpfe der Politik und Wirtschaft, des Reiches und der Regierungen -- der gesamte in Berlin anwesende Aufsichtsrat der Ufa, u.a.: Dr. von Stauß; Kommerzienrat Mamroth; Bankier Bodenheimer; Generaldirektor Dr. Thorndike; Geheimrat Dr. Hugenberg; Kommerzienrat von Wassermann; Geheimrat Dr. Lederer; Dr. Meydenbauer.

Natürlich die gesamte Presse und das geistige Berlin gleichfalls vertreten. Viele Führer und Künstler der Industrie.


Welturaufführung im Rundfunk

Und wer nicht dabei war, konnte die Filmpremiere diesmal hören.

Der Rundfunk hatte durch seine geschickte Reportage einen Teil der Uraufführung übertragen, bei dem die kurzen Interviews mit Fritz Lang, Thea v. Harbou, Gerda Maurus, Fritz Rasp, Willy Fritsch und Klaus Pohl besonders interessierten.

Der Nachhall dieser Premiere zeigt sich schon in dem ganz enormen Andrang und der Kartennachfrage in Berlin sowie im ganzen Reiche.


1000 Sterne auf der Straße

Die Fassade des Ufa-Palastes am Zoo hat sich für die Weltpremiere in einen reich mit Sternen bespickten Himmel verwandelt.

Nach Entwürfen Rudi Felds haben die Ufaleute in angestrengter Arbeit in wenigen Stunden eine gewaltige Wand mit etwa 1000 Lämpchen bestückt, die zum Teil flimmern.

Der rechte Nebeneingang zeigt eine gewaltige Erdkugel, die plastisch ausgebildet ist und auf der westlichen Küste Südamerikas eine famos gemachte Wolkenkratzer-Großstadt zeigt, deren Bauten von innen erleuchtet sind. Diese Stadt ist aber so als Krater gebaut, daß eine blitzblanke Rakete aus ihr herausschießen und später wieder zurücksausen kann. Sie läuft zuerst rasch schräg nach oben und verschwindet hinter einem Transparent, kommt dann ebenso zurück.

Das Transparent ist der Titel des Films "Frau im Mond", der riesig groß und plastisch über dem Hauptportal steht.

Ueber dem Eingang steht noch einmal in blauem Neonlicht der Titel: "Ein Film von Fritz Lang."

Die Ausgänge sind wie immer mit Photos aus dem Film geschmückt.

Alles in allem eine bemerkenswerte Aufmachung, die selbst gegen die Lichtfluten des Gourmeniapalastes rechts daneben und den flammenden rot und blauen Neonstreifen der Wilhelmshallen, links von ihr in Ehren besteht.

Film-Kurier (Berlin) vol. 11, no. 246, 16 Oct 1929, p. 1.

Ernst Blass
"Die Frau im Mond"
Festvorstellung im Ufa-Palast im Zoo


"Der Mond steht über dem Berge, so recht für verliebte Leut'" singt ein Lied von Brahms. Bei dem Filmregisseur Fritz Lang sind es aber auch: wissenschaftliche Leut', technische Leut', heroische Leut', Geschäftsleut'.

Ja, sie fliegen nach dem Monde, weil dort Gold zu holen ist. Zwei fusionierte Geschäftskonkurrenten, ein Brautpaar und der Astronom.

Oben angelangt, findet der Astronom seine Lehre bestätigt. Als erster sieht er das Gold. Doch aus Versehen fällt er nun in einen der bekannten Mondkrater. In zackiger, zerfressener, weisser Mondwüstenei dissoziieren sich zunächst die Geschäftspartner -- handgreiflich. Dann auch das Brautpaar.

Denn einer muss oben bleiben, weil das beschädigte Luftschiff nur noch zwei Erwachsene tragen kann. Die Braut aber bleibt dem anderen und dem Monde treu, der Bräutigam saust schlafend zur Erde zurück.

Dies wäre in grossen Zügen die Handlung, die Thea von Harbou ersonnen, Fritz Lang kinematographiert hat. Die stählernen Pioniere des Fortschritts verlieren sich im Mond und im Mondamin. Wenn Thea von Harbou das Zeichen des Makrokosmos erblickt, darf auch die Gartenlaube nicht leer ausgehen.

Flughandlung und Menschenhandlung; Rakete und Sumpf; himmelstürmende Maschine und eine bleierne Ente: das durchkreuzt sich in diesem Film.

Der Eindruck lässt sich mit einem alten Witz bezeichnen. Man kann sagen: diese Phantasie hat durchaus einen Wasserkopf. Aber man kann versöhnlich hinzufügen: er steht ihm aber zuweilen gut.

Nämlich, wenn man an das Jungenhafte dieser Phantasien denkt; an das Gefühl von Ziel und Start; von Entdeckungsglück und grosser Fahrt; von Utopie und Erreichbarkeit; von konstruktiven Phantasmen, männlicher Durchführung und heldenhafter Aufopferung. Hier wären die liebenswürdigen Seiten des Films zu erblicken.

Diese Szenen der unglaublichsten Abreise und ersten Lebensgefahr, diese technischen Spielereien, auch der Anblick des sich nähernden Mondes: hier steckt der Wurf dieses Unternehmens, hier gehen die Menschen zusammen, ja, hier wird das Konstruktive, die Sache selbst, Erlebnis. Die Eroberung des Mondes, das Raketenschiff, der Start, die Gefahr, die Reise, der Zusammenschluss, die Tat.

Aber die sonstigen Geschäfte und Flirts dieser Menschen auf der Erde oder auf dem Mond interessieren in diesem Zusammenhang gar nicht. Heroisch und dem Mond angemessen verhält sich höchstens der monomanische Professor, der für diese Idee zum Narren und Bettler geworden ist.

Fritz Lang als Regisseur hat Wurf und hat Konstruktionstalent. Er hat aber hier wie in "Metropolis" gar keinen Sinn für die Mitte, für das Werk, für die eigentliche Darstellung. Deshalb sieht alles gemästet aus, schwelgerisch. Er bringt Kleines grossformatig. Es ist eine gewalttätige Regie. Das Menschliche ist aufgebläht und entstellt.

Die Darsteller -- Fräulein Maurus, Herr Fritsch, Herr Pohl, Herr von Wangenheim, Herr Rasp -- machen Gesichter und Gebärden. Teils ist es ein Gefuchtel, teils ein Mechanismus. Die Grazien sind leider ausgeblieben.

Ja, es ist ein Film mit allen Schikanen -- und diese richten sich zumeist gegen die Schönheit, gegen die Natur, gegen die Poesie. Der ästhetische Kodex hat aber, wie das Bürgerliche Gesetzbuch, einen Schikaneparagraphen.

Lang, der mit dem "müden Tod" so bedeutend begonnen hat, sollte versuchen, zur Werktreue zurückzufinden und sowohl den allzu grossen Wurf wie den allzu öden Mechanismus verlassen. Er ist mit den Maschinen mechanisch, allerdings auch konstruktionsbegabt, mit der Rakete dilettantisch, allerdings auch sympathisch-knabenhaft geworden.

Sein Weg führe künftig wieder durch die Mitte.

"Schlösser, die im Monde liegen, bringen Kummer, lieber Schatz" -- also sang Paul Lincke beim Fin de siècle. Was diesen Film anlangt, kann man ihm nur beipflichten.

Aber nicht, weil er utopisch ist. Nicht, weil vom Himmel ein hoher Stern gefordert wird. Nicht, weil sie auf einem sehr abnehmenden Mond exakt ankommen.

Sondern weil sie das Mondschloss zugleich mit den Möbeln der alten guten Stube einrichten. Nicht etwa mit ewigem Menschenleid und Menschenfluch, sondern, nachdem sie festgestellt, dass sie die Luft des neuen Sterns atmen können, stellen sie die alten Makartsträusse des Gemüts und der Intrigen auf.

Ist das noch der Mond, ist es noch eine Schatzinsel? Es herrscht eine materialistische Oede und muffige Sentimentalität. Kosmos aus den achtziger Jahren.

Wenn der Fortschritt der Menschheit so aussehen sollte: es lohnte sich nicht, ihn im Bilde heute darzustellen.

In diesem Reiche geht der Mond nie auf.

Berliner Tageblatt vol. 58, no. 489, 16 Oct 1929 (late edition).

Anonymous
Frau im Mond


Der alte stumme Film hat einen großen unbestrittenen Sieg errungen. Die Frau im Mond steht begründet in der deutschen Filmgeschichte in der vordersten Reihe und wird ohne jede Frage, was an dieser Stelle vielleicht am stärksten zu betonen ist, sich in die Reihe der Kassenrekorde, in die Reihe der Millionenfilme rücken.

Es ist ein echter Fritz-Lang-Film. Eine wundervolle Mischung von Phantasie, technischer Vollendung und starker Dramatik. Ein Stück Detektiv-Film, Geschichte einer großen, reifen und ernsten Liebe, Realisierung eines der kühnsten Träume der ernsten Forscher.

Wäre dieser Film vor zehn oder fünfzehn Jahren erschienen, hätte man gelächelt, hätte die Fahrt nach dem Mond vielleicht so beurteilt wie die Zeitgenossen Jules Vernes seine Romane.

Aber heute haben wir darüber anders denken gelernt. Wir sehen und hören in die Ferne.

Ernste Männer der Wissenschaft halten es für möglich, daß in zwei, drei Jahren tatsächlich, von Raketenkraft getrieben, Menschen zum Mond aufsteigen, um zu forschen, um zu berichten.

Dieser Professor Georg Manfeldt, von Klaus Pohl vielleicht mit etwas Übertreibung dargestellt, wird heute nicht mehr verlacht, findet heute nicht Hohn, sondern Unterstützung.

Genau so wie die Ufa diesem grandiosen Spiel nun das ernste wissenschaftliche Experiment folgen läßt, das eine Rakete mit Registrierapparaten demnächst wenigstens 50 Kilometer in die Höhe rasen läßt.

Aber nicht die Idee, die in diesem Film wohnt, nimmt allein gefangen, man steht bewundernd und erschüttert vor einer hohen Leistung kinematographischer Technik, vor einer unerhörten, überraschenden Vollendung der Illusionstechnik, vor Höhenleistungen der Kamerakunst und vor einer vollendeten Zusammenarbeit zwischen Arbeit und Wissenschaft.

Vielleicht müßte die Photographie Otto Kantureks, Curt Courants, Oskar Fischingers, Konstantin Tschetwerikoffs an erster Stelle genannt werden.

Muß man die Architekten Hasler, Hunte und Vollbrecht genau so wie die Professoren Wolff, Danilowatz und Oberth vor den Darstellern nennen.

Obgleich Willy Fritsch eine seiner besten Leistungen gibt, eine Charakterstudie, ausgereift, in jeder Bewegung durchdacht. Ganz, ohne Verzicht auf alle Äußerlichkeiten. Auf den innerlichen Gedankeninhalt gestellt, den man bisher bei der Filmdarstellung als etwas Nebensächliches betrachtete.

Er trägt ohne Übertreibung, rein schauspielerisch das ganze große Werk. Gibt höchstens noch Gerda Maurus Gelegenheit, schauspielerisch zur Wirkung zu gelangen.

Läßt in dieser Frau erkennen -- eine wertvolle Lehre für den Tonfilm --, daß das Äußerliche nicht entscheidet, sondern bei wirklich großen Aufgaben einzig und allein die Kraft künstlerischer Gestaltung.

Klaus Pohl, der den verkannten Professor gibt, und Fritz Rasp, der Allerweltsgauner, übertreiben. Vielleicht weil der Regisseur es wollte, vielleicht weil es notwendig war.

Aber es gibt diesem Werk, das eine wundervolle gerade, feine Linie hat, ab und zu einen kleinen Stich, der vielleicht, vielleicht hätte vermieden werden können.

Bewunderungswürdig der kleine Gustl Gstettenbaur. Ein jugendlicher Charakterdarsteller, ein Schauspieler voll Talent, eindringlicher als Jackie Coogan und seine ganzen Imitatoren in der Welt.

Hier bereitet sich ein neues großes deutsches Filmtalent vor, das man sorgsam behüten und bewahren müßte, damit es nicht vorzeitig zugrunde geht.

Sonst geht alles unter in dem starken Gesamteindruck. Ordnet sich alles ein in die wundervolle Linie, die Thea von Harbou vorgezeichnet und Fritz Lang zum Leben erweckt hat.

Überflüssig, über den größten deutschen Regisseur etwas zu sagen. Überall merkt man die liebevolle Nuance, sieht der Fachmann, daß man nicht umsonst lange Monate in Babelsberg bei hermetisch abgeschlossenen Türen arbeitete. Man bedauert seit langem das erstemal nicht, daß Millionen in ein Filmwerk gesteckt wurden.

Weil hier wirklich ein Standardwerk vor uns abrollt, das erneut in der Welt verkündet, daß wir im Film ein gewichtiges Wort mitzusprechen haben.

Ein Standardwerk, daß außerdem verkündet, daß der stumme Film noch lange nicht tot ist. Daß es Dinge zwischen Western und Tobis gibt, von denen sich die Electro-Trustleute nichts träumen lassen wollen.

Eine kleine, wichtige film-[p. 2:]historische Feststellung. Der Rundfunk überträgt zum erstenmal eine große Premiere.

Erst Schilderung des grandiosen Bildes vor dem Theater. Kurze Skizzierung der ausgezeichneten Außenausstattung, die Rudi Feld entwarf. Dann ein Stimmungsbild von dem eleganten Publikum, das die weiten Hallen füllt.

Kurz vor dem Anfang Interviews mit Fritz Lang, Thea von Harbou, Willi Fritsch und Gerda Maurus, ähnlich wie damals bei Henny Porten.

Die Schauspieler wissen nicht viel zu sagen. Sind reichlich nervös und aufgeregt oder tun wenigstens so.

Dann ein Blick aus der Prominentenloge in den großen gefüllten Saal und schließlich Übermittlung der einleitenden Musik, die Schmidt-Gentner zusammenstellte und dirigierte.

Übrigens noch zu erwähnen, daß die Begleitung dieses Films sich durchweg auf bewährter Höhe des anerkannten Filmillustrators hielt.

Es ist schwer, Abschließendes über das Musikalische zu sagen, weil das Auge so stark gefangen war, das für das Ohr zu wenig Eindruck übrigblieb.

Kinematograph (Berlin) vol. 23, no. 242, 16 Oct 1929, pp. 1-2.

Felix Henseleit
Fritz Lang: Die Frau im Mond


8 Akte. -- Länge: 4365 Meter. -- Fabrikat und Verleih: Ufa. -- Uraufführung: Ufa-Palast am Zoo.

Jedes Jahr zum Saisonhöhepunkt gemahnt uns Fritz Lang daran, daß wir im Zeitalter einer unerbittlich vorwärts rasenden Technik leben. Diese Leute -- man ist heute schon so weit, sie nicht mehr zu verlachen, sondern sie zu verehren -- pflegen auf die Dauer ja immer recht zu behalten. Wir können also Leute mit einer ausschweifenden technischen Phantasie durchaus gebrauchen, auch in der Kunst, auch im Film, und es ist dabei nicht einmal so sehr die Frage, ob sie die Kunst weiterbringen, es kommt vielmehr darauf an, daß sie zum Fortschritt beitragen, zum schrittweisen Erforschen der Welträtsel. In den Tagen der Raketenflüge und der sich der Realisierung nähernden Raumschiffphantasien und Weltall-Flugpläne kommt Fritz Lang uns sehr aktuell mit einem Flug zum Monde.

Wir müßten total verknöchert sein, ausgeliefert an unfruchtbares Literatentum, wir müßten alle unsere phantastischen Jugendträume und die nahezu jedem Menschen innewohnende ikarische Sehnsucht vergessen haben, wenn wir Fritz Lang, Filmdeutschlands Außenseiter, da nicht gern und willig folgen würden.

Fritz Lang ist der Mann, der den vagen Traum ausschweifender Geister realisiert. Er macht das mit imponierenden technischen Mitteln.

Fritz Langs technische Phantasie verbündet sich mit der exakten Wissenschaft des Raumschiff-Professors Hermann Oberth. Auf diese Weise entsteht ein wissenschaftlich einwandfreier Film, der -- wohl zum ersten Mal! -- nicht das Pedantische des Wissenschaftlichen hat, sondern in der Kühnheit seiner technischen Phantasie imponierend ist. Hier leistet der Regisseur Fritz Lang ganz Außerordentliches, so ist der Abflug des Mondschiffes ein überwältigender Augenblick, der vom Beifall eines vollen Premierenhauses ehrlich begeistert umbraust wird. Gleich neben Fritz Lang muß man da die Architekten Hasler, Hunte und Vollbrecht nennen, ferner die Photographen Curt Courant, Oskar Fischinger, Otto Kanturek und Tschetwerikoff.

Wenn wir in Betracht ziehen, daß dieses Gebiet, in das sich Fritz Lang begibt, künstlerisch voller Klippen ist und einen in Dingen des Geschmacks nicht ganz taktfesten Regisseur in einem winzigen Fehlgriff entwurzeln kann, so muß man sagen, daß das andächtig und ehrlich gespannte Publikum dem Regisseur genugsam bewiesen hat, daß es gewillt ist, ihm in die Einsamkeit seiner Träume zu folgen.

Fritz Langs glückliche Liebe zu den Dingen, die die Bürger vorläufig nur mit Staunen und Schaudern und mühsam zu begreifen versucht, diese glückliche Liebe verbindet sich mit einer unglücklichen Liebe zu Filmmanuskripten, die man -- rund heraus gesagt -- als Kitsch bezeichnen muß. Auch dieser vorwärts weisende Film enthält leider allzuviel Bestandteile einer abgestandenen, vergangenen und ganz und gar unaktuellen Filmdramatik. Diese Ehe zwischen Herz und Hirn will uns doch als eine nicht durchaus produktive und also glückliche Ehe erscheinen. Man ist einigermaßen enttäuscht, eine reichlich banale Liebeshandlung vorgesetzt zu bekommen, die man sich noch gefallen lassen könnte, wenn sie nicht der Aktualität und Intellektualität des Fritz-Lang-Films völlig entgegengesetzt wäre. Diese Liebesgeschichte ist allzu simpel und allzu ideenlos angelegt. Die nebenhergehende, zum Teil technische, zum Teil kriminalistische Handlung weist überlegenen Zuschnitt auf. Sie gehört immerhin zum Besten des beginnenden Filmwinters (Manuskript Tea von Harbou).

Fritz Lang beschert uns in diesem Film einmal eine Ueberraschung: er ist nicht nur -- nach seinen letzten Filmen besonders dürfte man dieser Meinung sein -- der Regisseur des Monumentalen, des Großartigen, des Ueberwältigenden. Er ist besonders aufschlußreich in subtilen Spielszenen. Es darf nur an die ausgezeichnete Telephonierszene, die Lang Willy Fritsch absolvieren läßt, erinnert werden. Solcher Kammerspielszenen gibt es in diesem Film noch mehrere, zur Erholung von der Monumentalität.

Den Reigen der Schauspieler führt Gerda Maurus in blonder Schönheit. Leider steht ihr dekoratives Aussehen im Gegensatz zu ihrem schauspielerischen Können. Sie bleibt so gut wie alles schuldig und glaubt, die Rolle in einigen komisch-pathetischen Gesten zu erschöpfen. Willy Fritsch ist der männliche Hauptspieler. Das Süßliche seiner früheren Operettenfiguren hat er vollkommen verloren, er ist auf dem Wege zu einem Charakterdarsteller achtbaren Formats. In diesem Film steht er unter den Spielern des Vordergrundes weitaus an erster Stelle. Etwas zu üppig im Verbrauch überflüssiger Bewegungen ist Gustav von Wangenheim, Eduard Wintersteins Sohn, der von seinem Vater noch die Knappheit der Geste lernen kann. In einigen Szenen beweist er allerdings, daß er großer Wirkung durchaus fähig ist. Ein erfreulicher Debütant ist Claus Pohl, der den Mondprofessor spielt. Das naiv-kindliche dieses für seine Idee darbenden Träumers hat er mit einer Meisterschaft zu schildern gewußt, die nicht nur von der Kunst, sondern auch von menschlicher Güte herstammt. Fritz Rasp ist das böse Element des Films.

Wollte man früher die Intriganten des Theaters totschlagen und ihnen im Städtchen kein Hotelzimmer vermieten, so ist das heute umgekehrt: man liebt solche Ritter vom kalten Herzen, wie sie Rasp meisterhaft formt. Für das Idyll hat man Gustl Stark-Gstettenbaur, einen fixen, kleinen Jungen verpflichtet. Ab und an blitzen die Köpfe von Tilla Durieux, Hermann Valentin, Max Zilzer, Margarete Kupfer, Heinrich Gotho und Carl Platen auf.

+

Die Premiere dieses Films war das erste große gesellschaftliche Ereignis der saisonfreudig gestimmten Metropole. Die Leute standen wie die Mauern, zwischen 8.15 und 8.30 Uhr war der Siedepunkt der Neugier erreicht. Das Mikrophon des Berliner Senders war am Werke -- mehr schlecht als recht, wie daheimgebliebene Gewährsleute berichten.

Es war ein großer Abend, und man wird noch lange davon reden.

Reichsfilmblatt (Berlin) no. 42, 19 Oct 1929, p. 13.



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REPORTS



Paul J. Bloch
Holz + Sand = Mond
Wie ihn Fritz Lang in Neubabelsberg erbaut hat


Auf einer meterlangen Strickleiter steht eine schöne blonde Frau. Leise bewegt sich das Gitterwerk der Leiter, seine Sprossen glänzen silbern, wie von ganz fern her hört man das Rufen einer menschlichen Stimme: "Hans, Ha--ans!" Der Ruf wird stärker, drängender, eine Erregung durchzittert den Körper, die Leiter, das ruhige Gesicht wird starr und verkrampft, es ist ein Brüllen: "Hans, Ha--ans!"

Und im nächsten Augenblick erlöschen Hunderte von hellen weißglühenden Lampen, auf hohem Kistenturm unterhalten sich laut ein paar Männer, vorsichtig tasten sich die Füße die Leitersprossen herunter, beginnen eine Wanderung durch meterhohen Sand. Es ist ein vorsichtiges Gehen, es führt einen Hügel entlang, auf der Spitze bricht er jäh ab, dahinter liegt die Wirklichkeit: Brettergerüst, Lederkoffer, Menschen, Hämmer, ein alter Plüschstuhl, ein Stativ, ein Teegeschirr.

Und im Rücken breitet sich ein unendliches Panorama von Gebirgsketten, Höhenzügen und Tälern, hier von leichtem Schnee überdeckt, dort im rötlichen Gestein hart glänzend, Zacken, bizarr und gewaltig, die sich langsam zur Ebene verlieren. Als hätte nie ein Fuß es berührt, breitet sich das Gelb des Sandes, nur von leichten Ornamenten des Windes gewellt, eine einzige, endlos erscheinende Wüste.

Es ist keine irdische Landschaft, die der Blick streift, es ist eine Phantasiewelt, unheimlicher und doch getreu wie die nüchterne Wissenschaft sie sieht: es ist das Konterfei eines Mondtales, errichtet für den großen Fritz Lang-Film der Ufa, "Die Frau im Mond!"

Zweitausend Quadratmeter Holz bilden das untere Gerüst für die Hügel und Berge dieses Mondes. Vierzig Waggons Seesand, vor der großen Halle, um einen hellen Farbton zu erhalten, noch besonders geröstet, ersetzen Gebirge und Täler der anderen Welt. Und in diesem Gelände weißschimmernder Erde ragt zwölf Meter eine Patrone empor, schwarz und weiß, ein Riesengeschoß mit kleinen Lukfenstern, mit hermetisch sich verschließender Tür: Das Raumluftschiff, das, wie die Manuskriptverfasser es wollen, von Raketenkraft geschleudert zum Monde sich emporbewegte und landete, der erste Vorstoß in eine neue Welt.

Eine seltsame Welt. Sie ist nicht fern von aller Theorie erbaut, man fand Wissenschaftler, die solche Mondfahrt, die Atmosphäre und Lebensmöglichkeit auf der unserem Gestirn abgewandten Mondseite vermuten, die zur Seite standen mit ihrem Rat beim Bau dieser unheimlich grotesken Welt.

In vielen Ateliers dreht man die Einzelszenen, die Landschaften des Mondes. Das riesenhafte Mondtal, auf dem das Raumschiff landet, ist nur ein winziger Ausschnitt aus der Oberfläche des anderen Sterns, dessen unendliche Weite perspektivisch verkürzt ein besonderer Kameramann aufnimmt. Auf einer großen eclipsischen Trommel haben in wochenlanger Arbeit Künstler nach Photographievorbildern aus Gips ein Modell gezeichnet, mit allen Erhebungen und Vertiefungen, allen Flächen und Spitzen, wie sie die Sternwartaufnahmen zeigen. In knapper Entfernung von dieser Trommel steht der Operateur. Die Scheinwerfer leuchten auf, er beginnt die Kurbel zu drehen, langsam, immer schneller setzt sich die Modelltrommel in Bewegung, in Sekunden erfaßt das Filmband die mannigfaltigsten Bilder der der rollenden Eclipse--, es wirkt, wenn wir es später sehen, wie wenn man mit unermeßlicher Geschwindigkeit immer neue Landschaften überflöge, immer neue Länder und Welten im Fluge erblickte.

Es sind Tricks, zur Ergänzung, zur Steigerung der wirklichen Welt, wie sie in der großen Atelierhalle in Neubabelsberg erbaut ist. So groß, daß sich Hunderte spurlos in ihr verlieren können. So weit, daß die menschliche Stimme nicht ausreicht, die Befehle von einem bis zum anderen Ende zu geben. In solcher Landschaft verliert sich nicht nur der Ruf jener Frau, die Spuren der Schritte verwischen sich, die Spuren der Menschen verschwinden, wie sie selbst, es ist eine Landschaft des Tragischen.

Die Spuren verwischen sich. Sie müssen beseitigt werden, nach jedem Schritt des Versuchs, nach jeder Probeszene, nach jeden Aufnahmemetern heißt es den Sand wieder glätten, jeden Fußeindruck zu beseitigen, jede Spur, die das ursprüngliche Bild dieser Szene veränderte, auszumerzen: Dieser Boden soll wie noch nie betreten sein. Mit Besen wird leicht über den Weg gefegt, mit Schaufeln sparsam Sand gesät, mit Spritzen die letzte Formung gegeben. Dann kann die Aufnahme von neuem beginnen.

Wieder beginnt das Konzert der Scheinwerfer, fast ein halbes Tausend Lampen leuchtet auf, von der Decke strahlen reihenweis sich entzündend die Lichter, von den Seitengalerien tönt das Knastern und Singen der Aufheller und Kerzen, dirigiert vom Operateur, geleitet durch das Megaphon: Langsam nach rechts! Der Dreiziger halb links! -- Mehr links! -- Mehr links! -- Mehr links! -- Halt! -- Komm! -- Komm! -- Wie begütigend redet das Megaphon dem Beleuchter zu, wie zu Menschen wird zu den Hundertkerzen gesprochen.

Es dauert sehr lange, bis die Szene das richtige Licht hat, bis keine Schatten von den Menschen und Dingen geworfen werden, der Sandstaub sich legt und der Kamera klare Sicht bietet. Dann werden den Spielern die letzten Anweisungen gegeben, das Regiebuch noch einmal durchblättert, die Kleidung noch einmal geprüft. An die Plätze! Der Regisseur steht neben dem Kameramann: "Ich drehe", sagt er leise, man hört das Surren des ablaufenden Filmstreifens, man hört den lauten Ruf: Jetzt! Vorn stürzt die blonde Frau (es ist Gerda Maurus) den Sandhügel hinab, erblickt hinter dem Raumschiff plötzlich den Feind (Fritz Rasp), sie schlägt einen Haken, rennt zur Strickleiter und klimmt sie empor. Sie verheddert sich -- die Szene ist umsonst gedreht.

"Halt!" Die Lampen blenden ab, die Sandbearbeitung beginnt wieder, Fritz Lang hebt ein Plakat: "Schlecht!" Es ist das alte Lied, von dem keiner etwas weiß, der später den Film sieht, der Kampf gegen die Indisposition des Augenblickes, gegen die Widerwärtigkeiten und Tücken des Objekts: hier war es die Strickleiter, sonst ist es ein Scheinwerfer, der plötzlich versagt, ein Stein, über den man stolpert, ein Gedanke, der einen durchfuhr, der aber falsch war. Verlorene Zeit, verlorenes Geld, verlorene Nerven. Die Szene muß noch einmal gedreht werden.

Sie gelingt, sie gelingt nicht. "Vielleicht wäre das besser so"; "Wollen wir es nicht einmal anders versuchen?" Es gibt hundert Möglichkeiten und fast eben so viel Versuche, es ist immer das gleiche Bild, die gleiche Szene, der gleiche Augenblick, dieselbe Geste -- das beste wird herausgeschnitten und benutzt. Das andere Abfall, wertloser Abfall.

Und dennoch läßt nach hundert Arbeitstagen, vor vielleicht weiteren hundert, keiner auch nur einen Augenblick den Mut sinken. Man findet sich in das Unvermeidliche, es ist stille Heldenarbeit am Ganzen, und wenn sie allzuschwer doch einmal lastet, "versüßt" man sie mit verzeihendem Humor. "Wie lange dauert es noch, bis du die Einstellung hast?" fragt Lang den Kameramann Kanturek. "Fünf Minuten!" dröhnt das Megaphon, und eine Menschenstimme brüllt erregt zurück: "Du lügst!"

Er log. Es dauerte mindestens -- eine Viertelstunde.

Berliner Börsen-Courier vol. 61, no. 69, 10 Feb 1929 (early edition), p. 10.

Anonymous
Fahrt in den Mond


Draußen in Babelsberg dreht Fritz Lang seinen neuesten Film. Das Manuskript stammt, genau so wie früher, von Thea von Harbou. Es ist in seiner Ursprungsfassung ein phantastischer Roman, der in der "Woche" erschien und schon als Buch Aufsehen erregte. Die bekannte geistvolle Schriftstellerin schildert nicht eine Episode im Stil Jules Vernes, sondern sie verbindet Romantik mit moderner Technik, skizziert vielleicht in großen Zügen eine Zukunftsentwicklung, die heute schon mit Rakete und dem Raketenflugzeug langsam einsetzt.

Wer jetzt zufällig in die großen Hallen von Neubabelsberg tritt, kann schon die Mondlandschaft sehen, auf der sich das dramatische Spiel abrollen wird. Mitten in einer riesigen Sandwüste, umgeben von pittoresken Gebirgen, ist das Raketenschiff gelandet mit den waghalsigen Menschen, die bereit sind, für die Wissenschaft oder aber auch für Abenteuer ihr Leben aufs Spiel zu setzen.

Vom hohen Gerüst herab leuchten die großen, strahlenden Augen der Scheinwerfer, die mit Tausenden von Ampere das Bild aufhellen, in dem Willy Fritsch, Gerda Maurus, Rasp und der kleine Gustl Stark-Gstettenbaur agieren. Willy Fritsch stolziert auf hohen Kothurnen einher, auf unförmigen, schweren Holzstiefeln, die man auf dem Mond angeblich tragen muß, um im Gleichgewicht zu bleiben.

Ein gelehrter Professor weilt von früh morgens bis spät abends in den Neubabelsberger Hallen, damit die Wissenschaft zu ihrem Recht kommt. Er erzählt uns von der theoretischen Möglichkeit, in einer Stunde in einem Raketenschiff von Amerika nach Europa zu kommen.

Leise bemerkt jemand, daß Amerika ja noch immer nicht der Mond sei, worauf der Gelehrte erwidert, daß der Flug von einem Erdteil zum anderen lediglich eine Etappe darstelle, und daß man nicht wissen könne, ob nicht wir selbst oder unsere Kinder bereits ihr Weekend auf dem Mond verbringen, wie wir das jetzt in der Umgegend der Großstadt tun. Vorläufig allerdings erleben wir die Mondfahrt erst im Film, sehen vorahnend im Bilde, was noch im Schoß der Zukunft verborgen liegt. Ob das Bild als Geräuschfilm herauskommen wird, steht heute noch nicht endgültig fest.

Kinematograph (Berlin) vol. 23, no. 46, 24 Feb 1929.

Willy Ley
Die Kosmopiloten


Man hat also den Mut gehabt, die Weltraumrakete zu besteigen und zum Monde zu fliegen!

Wenigstens im Film.

Nun haftet dem Kino, auf Berlinerisch "Kientopp", seit Anbeginn etwas an, was, wie alle derartigen Dinge, jetzt schwer zu beseitigen ist. Nämlich ein gewisses Gefühl des Publikums, "was du da siehst auf der Leinwand -- die allerdings nicht mehr flimmert --, ist "Kientopp", na, und der Inhalt und die Art, wie er sich abspielt, ist es auch."

Bei dem ersten großen Raumfahrtfilm der Welt, die "Frau im Mond", wird das sicher auch bei vielen der Fall sein. Aber sie haben diesmal, Gott sei Dank, vollkommen unrecht. Es ist nicht "Kientopp", was hier gespielt wird, es ist eine, wenn auch praktisch noch nicht vollkommen erreichte Wahrheit. Als Thea von Harbou den Roman schrieb, der dem Film den Stoff lieferte, hielt sie Umschau nach den besten wissenschaftlichen Büchern über die Raketenfahrt, und als dann Fritz Lang, ihr Gatte, sich an den Film machte, da holte er sich den führenden Gelehrten dieser neuesten aller Wissenschaften, Professor Hermann Oberth selbst, als wissenschaftlicher Berater.

Oberth nahm sich der Probleme mit deutscher Gründlichkeit an, ich versichere jedem, der es hören will (und auch besonders denen, die es nicht hören wollen, obwohl das nicht ganz höflich ist) daß alle Einzelheiten ihre volle Berechtigung haben.

Ich erinnere mich noch genau, wie Oberth eines Tages eine zu einer ziemlich unwichtigen Nebenrechnung gebrauchte Formel krampfhaft suchte und dabei nicht ganz genießbar war; und es ist mir noch genau im Gedächtnis, wie wir -- Fritz Lang, Professor Oberth und ich -- bei einer Aufnahme auf der künstlichen Mondlandschaft in Neubabelsberg krampfhaft Kopfrechnen übten, ob denn die Lebensmittelkisten des Raumschiffes für einen Jungen auf dem Monde bei seiner verringerten Schwerkraft leich zu regieren seien oder nicht.

Zum Schluß sagte Professor Oberth einmal: "Wissenschaftliche Fehler finde ich, bis auf die Mondatmosphäre, nicht mehr, es sei denn, daß der alte verrückte Mondprofessor sein eigenes Manuskript in 40 Jahren vollkommen zerlesen hat." Das wurde denn aber doch nicht geändert, schließlich muß Thea von Harbou über den Charakter und die Eigentümlichkeiten ihrer Romangestalten am besten Bescheid wissen.

Eins aber wurde doch nicht voll bedacht -- nämlich die Gefahren der Weltraumfahrt in der Riesenrakete.

Denn es ist ganz furchtbar, was dem Kosmopiloten im Raumschiff alles passieren wird.

Für den Anfang fährt das Ding nämlich überhaupt nicht ab, sondern der ganze Brennstoffvorrat explodiert auf einmal. Ist das aus purem Zufall nicht passiert, dann werden den Insassen durch die Anfangsbeschleunigung sämtliche Rippen eingedrückt, das Herz gepreßt, Darm und Magen zusammengeschnürt und die Gehirnwindungen verbogen, damit es nachher einen interessanten klinischen Befund gibt.

Haben die Raumfahrer die genügende Pferdenatur, um das alles zu überstehen, dann tötet sie die Andruckslosigkeit im Weltraum. Gleichzeitig machen sich die Meteorsteine bereit: 1. die Tanks zu durchlöchern, 2. den Vergaser zu zerschlagen, 3. die Passagierkabine siebähnlich zu gestalten, 4. ihre Insassen zu durchbohren und sie damit dem vierfachen Weltraumgespenst auszuliefern. Dann wieder 1. werden sie von dem Meteoriten totgeschlagen, 2. durch den Luftmangel erstickt und durch ihren inneren Ueberdruck zerrissen, weil ihr Organismus auf den äußeren Luftdruck von einer Atmosphäre eingestellt ist, 3. von der ultravioletten Strahlung der Sonne verbrannt, und endlich und 4. von der Höhenstrahlung der Mirasterne abgetötet.

Der Rest des Raumschiffes stürzt in die eisigen Lavatrümmer eines Mondvulkans oder endet im Glutmeer der Sonne.

Also Gerda Maurus, Fritsch, Rasp, Wangenheim -- fahrt nicht, wenn die Wirklichkeit kommt, es wäre um euch sehr schade. --

Nun aber das ganze noch einmal ohne die gegnerische pessimistische Beleuchtung.

Da ist die Gesamtexplosion beim Start -- ein richtiger Wunschtraum geborener Brandstifter, denn es liegt schon in der Natur der Brennstoffe, unvergast nicht zu explodieren. Weiterhin ist es der ganzen Konstruktion nach unmöglich, daß mehr passiert, als schlimmstenfalls der Bruch einer Zwischenwand. Sollte das eintreten, dann fährt die Maschine eben nicht ab, explodieren tut nichts. Was von den Gefahren des erhöhten und des fehlenden Andrucks geredet wird, ist auch Unfug, wie man schon experimentell auf der Erde nachgewiesen hat (die Raumfahrtspläne sind nämlich schon fertiger und sicherer, als sich auch die Techniker es denken) und es bleiben die Meteoriten.

Dafür aber sind ja die Astronomen zuständig, die man immerhin einmal befragen kann. Dann bekommt man zu hören, daß es tatsächlich gewisse Schwärme dieser kleinsten Weltkörper gibt, die wahrscheinlich die Reste untergegangener Kometen darstellen. Unter Schwarm stellt man sich für gewöhnlich eine dichte Wolke vor und man muß erst mitleidig belehrt werden, daß in den kosmischen Sternschnuppenschwärmen auch an den dichtesten Stellen die einzelnen Körper noch etwa 110 Kilometer voneinander entfernt sind.

Auf solche Weise zu verunglücken wäre also ein ganz großes Kunststück. Doch wollen wir noch einmal ein wenig zusammenfassen.

An dem Raumfahrtproblem sind interessiert die Techniker, die Aerzte, die Astronomen und die Physiker. Fragt man nun nach den Gefahren der Weltraumfahrt, dann schwört der Techniker -- soweit er informiert ist natürlich -- auf Konstruktionsmöglichkeiten und überlegt nur, ob der menschliche Körper . . . . Geht man dieserhalb den Mediziner an, so behauptet er, die Sache sei ungefährlich, wenn der Pilot gesund ist und nicht ein Meteorstein einschlägt. Der Astronom, der dafür zuständig ist, nennt diese Gefahr "gleich Null" (Prof. K. Graf von der Hamburger Sternwarte) und hebt warnend den Finger etwa vor der Höhenstrahlung. Der Physiker (ich habe Gutachten von den ersten Autoritäten, Freunden und Feinden des Raumfluges) schreibt, dies die geringste Gefahr -- wenn nicht etwas explodiert. Diese Frage ist wieder Sache des Technikers, der erklärt, -- siehe oben.

Ja, man darf das schließlich mal fragen, warum fürchten denn da die Leute überhaupt noch? Wenn die Menschen so wären, wie sie nicht sind, wie sie aber sein sollten, dann würden sie doch wohl eigentlich die Nörgelei so langsam sein lassen und dem großen Werke lieber irgendwie helfen, wie jeder es gerade vermag.

Damit Deutschland, das den ersten Raumfahrtfilm im Atelier drehte, bald auch den ersten wirklichen Raumfahrtfilm drehen kann! Aber ich fürchte, ich fürchte, die täglichen drei Briefe werden auch weiter noch kommen, mit Anfragen und Warnungen vor den "Gefahren der Weltraumfahrt".

Reichsfilmblatt (Berlin) no. 41, 12 Oct 1929, p. 13.



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Frau im Mond ad

Kinematograph (Berlin) vol. 22, no. 1116, 14 Jun 1928.


Frau im Mond flyer

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