BOOK REVIEW

Erich Kettelhut
Der Schatten des Architekten

Herausgegeben von Werner Sudendorf
München: belleville 2009
483 Seiten, deutsch, zahlreiche Abbildungen
ISBN 9783936298550

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    Erich Kettelhut - Der Schatten des Architekten

Zu den Schwierigkeiten filmhistorischer Forschung zählt, dass sich oft unerschlossenes Material in den Archiven befindet, das schlecht oder sogar überhaupt nicht zugänglich ist. Das Mindeste, was ein Forscher tun muss, wenn sich zu seinem Forschungsgebiet etwa ein unveröffentlichtes wichtiges Manuskript in den Kartons eines fernen Archivs befindet, ist, dorthin zu reisen, um sich dieses Manuskript anzusehen. Dort hat er dann in der Regel wenig Zeit, das Werk nach seinen Interessen auszuwerten. Nicht selten sind für solche Forschung mehrere solcher Archivreisen notwendig, und in der Summe führt dies dazu, dass viele wichtige Materialien unerforscht bleiben und in den Archiven noch überall Schätze schlummern, die im Grunde völlig unbekannt sind.

Da bedeutet es immer einen großen Fortschritt, wenn ein solcher Schatz zumindest in großen Teilen in Buchform veröffentlicht und somit der Forschung leichter zugänglich gemacht wird (auch wenn der Forscher vielleicht immer noch ins Archiv reisen muss, um sich das Original anzusehen). Um genau solch einen Schatz handelt es sich bei den Memoiren des Filmarchitekten Erich Kettelhut (1893-1979), der den Drachen in Fritz Langs NIBELUNGEN entworfen hat, die Stadt der Zukunft in METROPOLIS und die schwimmende Flugplattform in F.P.1 ANWORTET NICHT. Kettelhuts Schriftstück, ein ca. 1400 Seiten starkes Typoskript, befindet sich seit rund dreißig Jahren im Archiv der Stiftung Deutsche Kinemathek. Endlich ist nun eine zwar gekürzte, jedoch umfangreiche und liebevoll editierte Ausgabe dieses Werkes erhältlich, und diese ist nicht nur für den Forscher interessant, sondern vor allem auch für den Filmfan: Denn ein solches Buch übers Filmemachen gibt es selten. Hier lesen wir nicht eine der üblichen Selbstdarstellungen der Memoirenliteratur mit Geschichtchen über Stars und Berühmtheiten, sondern die Notizen eines Arbeitslebens. "Bei Kettelhut geht es nicht um Abenteuer oder die Anekdoten eines Bonvivant, sondern um das Handwerk des Filmemachens", schreibt Werner Sudendorf in seiner Einleitung (S. 7). Schon bei der dem eigentlichen Memoirentext vorangestellten Transkription eines Interviews, das der Regisseur und Filmhistoriker Gerhard Lamprecht ein halbes Jahr vor Kettelhuts Tod mit dem Filmarchitekten führte (30 Seiten), stellt sich ein "Truffaut/Hitchcock-Gefühl" ein: Da interviewt nicht der Journalist den Künstler, sondern zwei Filmschaffende reden miteinander übers Filmemachen. Dieses Buch bietet aus erster Hand unverzichtbares Wissen darüber, wie vor allem in der Weimarer Republik Filme gemacht wurden. Zugleich ist es ein Zeitporträt und natürlich eine Lebensgeschichte.

"Der Schatten des Architekten" ist keine vollständige Edition des Kettelhut-Typoskripts: Das vorliegende immerhin über 400 Seiten starke Buch konzentriert sich auf die, auch im ursprünglichen Mansukript am stärksten gewichtete, Weimarer Periode, und darin auf die Filme des Produzenten Erich Pommer, "die zentrale Figur im Hintergrund von Kettelhuts Karriere" (Sudendorf, S. 8). Gestrichen, so Sudendorf, wurden hauptsächlich Passagen, die nur Inhalts- oder Stabsangaben enthielten, oder Erinnerungen an Filme, die für den Architekten keine besondere Herausforderung bildeten und er somit ausnahmsweise tatsächlich auf Landschaftsbeschreibungen und Anekdoten auswich. So enthält das Buch hauptsächlich ausführliche Beschreibungen zur Entstehung von fünf Filmen aus der Stummfilmzeit: DR. MABUSE, DER SPIELER (12 Seiten), DIE NIBELUNGEN (80 Seiten), METROPOLIS (53 Seiten), BERLIN, DIE SINFONIE DER GROSSSTADT (30 Seiten) und ASPHALT (14 Seiten). Aus der Tonfilmzeit werden noch elf weitere Filme genauer behandelt, am ausführlichsten F.P.1 ANTWORTET NICHT (22 Seiten).

Das Buch ist reichhaltig illustriert mit Standbildern, Werkfotos, Filmpostern und natürlich Architekturskizzen, sowie Kostümskizzen von Aenne Willkomm (Kettelhuts Frau und unter anderem die Kostümbildnerin von Langs METROPOLIS). Vorbildlich ist die Verwendung der Fußnoten zur Erläuterung von Namen, Begriffen und Ereignissen, deren Kenntnis Kettelhut als selbstverständlich vorausgesetzt hat. In diesen Fußnoten werden auch Fehler in Kettelhuts Erinnerung auf dem neuesten Stand der Forschung kommentiert. Im Anhang folgt noch ein ausführliches Werkverzeichnis zu Kettelhut und Willkomm, das die Bestände der Deutschen Kinemathek und der Cinémathèque Française erfasst (124 Seiten), und natürlich, unverzichtbar, ein Namens-, Filmtitel- und Sachindex. Dort kann man z. B. unter "Bautechniken" nach "Klapp-Stiel-System" recherchieren. Ein herausragendes, wichtiges Filmbuch, zur wissenschaftlichen Forschung ebenso geeignet wie zur abendlichen Bettlektüre des Filmfans.

OLAF BRILL
02 Feb 2010

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filmhistoriker.de, edited by olaf brill.

Last update (this page): 02 Feb 2010.

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