BOOK REVIEW

Heinrich Schönker
Ich war acht und wollte leben
Eine Kindheit in Zeiten der Shoah

Mit einem Vorwort von Charlotte Knobloch
(Poln. Orig.: Dotknięcie anioła)
Düsseldorf: Patmos 2008
236 pages, German text
ISBN 9783491350236

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    Ich war acht und wollte leben

Abstract in English: This book tells the childhood story of the Polish Jew Henryk Schönker who grew up in Kraków and Oświęcim and was eight years old when the Germans attacked Poland. His surviving the war and now being an elderly gentleman living in Tel Aviv, is almost a miracle. Schönker's book does not only make accessible the incredible dimension of the Nazis' crimes on a very personal level, it also covers some little known facts about the history of the Upper Silesian Jews during German occupation. What's that got to do with film history? Well, almost nothing. But there actually is a small connection, both frightening and touching. Find out about it!

Dieses Buch erzählt die Geschichte der Kindheit des polnischen Juden Henryk Schönker, der in Krakau und Auschwitz aufgewachsen ist und beim Überfall der Deutschen auf Polen acht Jahre alt war. Dass er den Krieg überlebt hat und heute ein alter Herr ist, der in Tel Aviv wohnt, ist beinahe ein Wunder. Sein Buch erschließt uns nicht nur die unglaubliche Dimension der Verbrechen der Nationalsozialisten auf sehr persönliche Weise, es enthält auch einige wenig bekannte Fakten über die Geschichte der oberschlesischen Juden während der deutschen Besatzung. Was das ganze mit Filmgeschichte zu tun hat? Nun, fast nichts. Doch eine kleine, erschreckende und bewegende, Verbindung gibt es doch. Lesen Sie selbst!

Henryk Schönker wurde 1931 in Krakau geboren. Der Großvater Josef Schönker besaß eine Kunstdüngerfabrik in Auschwitz. Der Vater Leon Eliezer Schönker war Porträtmaler. Ende der 1930er Jahre half er dem Großvater bei der Firmenleitung. Kurz bevor die Deutschen Polen überfielen, floh die Familie nach Kazimierz an der Weichsel, kehrte jedoch kurz darauf über Krakau nach Auschwitz zum Vater zurück, der bei der Fabrik geblieben war. Während die Deutschen Bomben warfen, die polnischen Synagogen niederbrannten, die Juden einsperrten und zur Zwangsarbeit nötigten, wurde der Vater Leon Schönker letzter frei gewählter Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Auschwitz. In dieser Funktion reiste er Ende 1939 auf Befehl der deutschen Besatzer mit anderen Vertretern Jüdischer Gemeinden nach Berlin und traf den Leiter des Judenreferats im Reichssicherheitshauptamt Adolf Eichmann, den späteren Organisator der "Endlösung der Judenfrage". Zu dieser Zeit jedoch bestand noch der Plan, die Juden aus Schlesien zu entfernen, indem von Auschwitz aus ihre Ausreise nach Palästina organisiert würde, ein Plan, der schließlich am Desinteresse des Auslands scheiterte. Henryk Schönker schreibt zusammenfassend am Ende seines Buchs, ohne die Schuld der Nazis an den Verbrechen des Holocaust auch nur im Geringsten zu mindern, sei er überzeugt, "dass zumindest die oberschlesischen Juden hätten gerettet werden können, wenn die westlichen Länder, insbesondere die Vereinigten Staaten und England, mehr Interesse gezeigt hätten." (S. 232)

Die Emigration nach Palästina fand nicht statt, die jüdischen Einwohner Polens wurden in Ghettos übergesiedelt und in Todeslager deportiert. Im April 1940 erließ Heinrich Himmler den Befehl, das erste KZ in Auschwitz zu errichten. Henryk Schönker: "Auschwitz, meine Heimatstadt, wurde berühmt – nicht weil hier die Auswanderung der Juden ins Ausland begonnen hat, sondern weil eine neue Art des Bösen erschaffen wurde: die massenhafte, organisierte Tötung von Menschen." (S. 37) Die Schönkers entkamen den Gaskammern und flohen ins Krakauer Ghetto. Auch dort kamen später fast alle Juden um, doch die Familie zog rechtzeitig weiter ins 20 km entfernte Wieliczka. Kurz bevor die Deutschen die Stadt abriegelten (und die Juden deportierten und ermordeten), versteckte die Familie sich in einem Bauernhof außerhalb der Stadt. Später flohen sie als Deutsche getarnt nach Tarnów, wurden erkannt, doch gegen Bezahlung ins Ghetto geschmuggelt, wo Deportationen und Erschießungen an der Tagesordnung waren. Viele Menschen, die sie liebten, wurden auf bestialische Weise ermordet. Kurz vor der endgültigen Liquidierung des Ghettos kamen sie nach Bochnia, dann gelang es ihnen, sich mit gefälschten Papieren zur Ausreise nach Palästina zu registrieren, sie kamen aber zunächst ins Krakauer Gefängnis und wurden schließlich in Bergen-Belsen interniert, immer umgeben von Angst, Tod, Hunger und dem Erlebnis unmenschlicher Verbrechen. Der Großvater: "Niemand wird glauben wollen, dass so etwas geschehen konnte. Sie werden sagen, dass wir übertreiben, denn wie kann man kleine Kinder im Waisenhaus und Patienten im Krankenhaus ermorden? Seelenlos, gnadenlos, nicht einmal aus Zorn und ohne jede Gefühlsregung, einfach so, wie man Gras mäht? Wird das irgendwann einmal jemand verstehen?" (S. 147) Gegen Ende des Krieges wurden die Überlebenden aus Bergen-Belsen mit dem Zug deportiert und am 20. April 1945 bei Tröbitz, einem kleinen Städtchen in der Nähe von Dresden, von Russen befreit. Henryk Schönker und seine Familie haben überlebt, nicht einmal oder zweimal, sondern vielfach. So ist es verständlich, dass er sein Überleben heute rückblickend dem Eingreifen einer höheren Macht zuschreibt. "Dotknięcie anioła" heißt das Buch im polnischen Original: Berührung des Engels.

Eine Episode schließlich ist es, die eine bewegende Verbindung der Lebensgeschichte Henryk Schönkers zur deutschen Filmgeschichte herstellt: Im Sommer 1941 lernte der Vater Leon Schönker in Wieliczka einen Juden aus Deutschland kennen, der in Berlin angeblich ein sehr bekannter Schauspieler gewesen war. Die Schönkers nahmen den freundlichen alten und völlig hilflosen Herrn bei sich auf, und der junge Henryk freundete sich mit ihm an (S. 75-79). Später, als die Schönkers sich außerhalb Wieliczkas versteckten und Henryk einmal in die Stadt pirschte, um Brot für die Familie zu besorgen, traf er den Freund wieder, der sich als Priester getarnt vor den Deutschen versteckt hielt. Als deutsche Soldaten in das Haus kamen, rettete der Mann dem Jungen das Leben, indem er ihn unter dem Bett versteckte. Und der Junge wurde Zeuge, wie die Deutschen den Freund erschossen (S. 96-102).

Als Henryk Schönker sechzig Jahre später seine Lebensgeschichte aufschrieb und Daten dazu recherchierte, schrieb er mir im September 2004 eine E-mail, erzählte mir die Geschichte des Mannes, den er damals in Wieliczka kennen gelernt und dessen Tod er miterlebt hatte, und fragte, ob ich bei seiner Identifizierung helfen könne. Eine schnelle Recherche brachte Erstaunliches zu Tage: Es handelte sich tatsächlich um den Bühnen- und Filmschauspieler und -regisseur John Gottowt, eigentlich Isidor Gesang, einen engen Freund Heinrich Wiesenbergs, jener später bekannt unter dem Namen Henrik Galeen und Regisseur etwa des ersten GOLEM (1914) mit Paul Wegener und Drehbuchautor von Murnaus NOSFERATU (1921). Gottowt spielte unter anderem 1913 in Stellan Ryes DER STUDENT VON PRAG, einem der ersten Filme, die als Durchbruch der Kunst im neuen Medium Film angesehen wurden. Er war der geheimnisvolle Wucherer Scapinelli, der dem Studenten Balduin (Paul Wegener) sein Spiegelbild abkauft. 1920 war er der Bucklige in Murnaus DER BUCKLIGE UND DIE TÄNZERIN und der Barbier in Robert Wienes GENUINE, 1924 der Inhaber des Panoptikums in Paul Lenis DAS WACHSFIGURENKABINETT. Dies also war der Mann, den Henryk Schönker in Wieliczka kennen gelernt und dessen Tod er miterlebt hatte. Mein Kollege Tommy Ploog, mit dem ich damals bei CineGraph fürs filmportal arbeitete, stellte Kontakt zu Irene Stratenwerth her, der Kuratorin der Ausstellung "Pioniere in Celluloid – Juden in der frühen Filmwelt", die kurz zuvor neue Fakten zur Geschichte Galeens und Gottowts ans Tageslicht gebracht hatte. Unter anderem war durch Zufall die Familie Gottowts auf die Ausstellung aufmerksam geworden und hatte weitere Details zur Geschichte beigetragen. So kam dann auch noch im Jahr 2004 eine erstaunliche und zutiefst anrührende Verbindung zwischen Henryk Schönker und der Familie Gottowts zustande. Im Familienbesitz befand sich unter anderem ein Ölgemälde, das zunächst als ein spätes Selbstporträt Gottowts angesehen worden war. Doch da erinnerte sich Henryk Schönker, dass sein Vater in Wieliczka Gottowt gemalt hatte, und als er das Bild sah, erkannte er den Stil sofort: Das Bild stammte von niemand anderem als Leon Schönker. Viele Menschen haben mitgeholfen, diese Verbindung zustande zu bringen. Am Ende hatten wir alle Tränen in den Augen.

OLAF BRILL
03 Nov 2008

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filmhistoriker.de, edited by olaf brill.

Last update (this page): 03 Nov 2008.

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