FILM DER JANUSKOPF (GER 1920)

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ABSTRACT
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LITERATURE
    Der Januskopf -- Eine Tragödie am Rande der Wirklichkeit (1920)

DATA SHEET



DER JANUSKOPF -- EINE TRAGÖDIE AM RANDE DER WIRKLICHKEIT
aka SCHRECKEN (preview title)
JANUS-FACED aka HEAD OF JANUS aka LOVE'S MOCKERY

Directed by: Friedrich Wilhelm Murnau.
Written by: Hans Janowitz
(from the novella "The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde" by Robert Louis Stevenson).
Production company: Lipow-Film, Berlin.
Photography: Karl Freund,
Carl Hoffmann.
Set design: Heinrich Richter.
Cast: Conrad Veidt (Dr. Warren & Mr. O'Connor),
Margarete Schlegel (Grace aka Jane),
Magnus Stifter (Utterson, Warren's friend and lawyer),
Willi Kaiser-Heyl,
Margarete Kupfer,
Danny Gürtler,
Gustav Bötz,
Jaro Fürth,
Hans Lanser-Ludolff,
Marga Reuter,
Lanja Rudolph,
Béla Lugosi.
Studio / Locations: Film-Ateliers am Zoo,
Cserépy-Atelier.
Première: 26 Aug 1920, Marmorhaus, Berlin.
(Preview 28 Apr 1920).
Censorship data: Berlin 21 Aug 1921 (no. 332), 6 acts, 2222 m, cut to 2220,75 m, Decla-Bioscop A.-G., Berlin, prohibited for children.
Restoration data: The film is considered as lost.



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ABSTRACT



An adaptation of Stevenson's Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde. Hans Janowitz (of CALIGARI fame) wrote the script, F.W. Murnau directed, and Conrad Veidt once again starred in a demonic role. As with NOSFERATU, his other adaptation of a classic horror tale, Murnau couldn't obtain the rights for the original story, so he changed the names and let Veidt act as "Dr. Warren and Mr. O'Connor".




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REVIEWS



Martin Proskauer
"Schrecken"
Dr. Jekyll und Mr. Hide
Interessentenvorführung beim Lipow-Film


Das Thema des phantastischen Films ist seit geraumer Zeit beliebt, und damit hat die Filmkunst einen guten Schritt vorwärts getan, denn er führte in unbestelltes fruchtbares Gebiet. Wir haben die "Nachtgestalten" gesehen, die "Unheimlichen Geschichten", "Das Kabinett des Dr. Caligari", den Film "Der Andere" (nach dem Roman von Lindau) und mit diesem letzten sind wir auf den unmittelbaren Vorläufer des "Schrecken" gekommen. Denn dieser Film ist aufgebaut auf der Handlung des weltbekannten Romans von Stevenson "Dr. Jekyll und Mr. Hide".

Bekanntlich ist Jekyll und Hide ein und dieselbe Person, ein Londoner Gentleman, der dem geheimnisvollen Zwang einer Doppelnatur folgend, zeitweise in den Paroxysmus eines wilden Tieres verfällt und im Dämmerzustand grausige Taten begeht. Diese Aufgabe, den korrekten Mann höheren Standes und den besessenen Verbrecher darzustellen, mußte manchen Darsteller reizen. Hier ist Konrad Veidt der Träger der Doppelrolle. Und er füllt sie aus, er lebt in ihr, wie es wohl kein anderer deutscher Schauspieler vermag. Man kann bereits im phantastischen Film zwei Typen von Hauptrollen unterscheiden, den hysterischen, gleichsam unter hypnotischem Zwang stehenden Mann und den Epileptiker, den organisch Kranken. Der erste Typ wird vollendet von Veidt verkörpert, wie ihn auch seine äußere Erscheinung dazu prädestiniert (man denke an den Somnambulen im "Caligari"), der andere Charakter ist eigenstes Gebiet von Werner Krauß ("Dr. Caligari", Smerdjakoff in den "Brüdern Karamasoff").

Hier im "Schrecken" spielt also nur Veidt. Man ist gepackt und gespannt, selbst wenn man alle Weiterentwicklungen der Fabel kennt, man will sehen, wie er die immer stärkeren Schwierigkeiten der gewaltigen Doppelrolle besiegt. Denn Veidt spielt, er spricht mit dem Körper, mit den Händen (Ihr andern, lernet doch von ihm die Sprache der Hände), nicht mit dem Mund. Veidts Können ist so groß, daß er sogar auf das lauernde Kuschen, die eine Schulter voran, verzichten sollte, denn diese Haltung fängt an, Schema zu werden: ich sah sie noch in jedem phantastischen Film. Aber trotzdem, wenn Veidt so etwas macht, so hebt er es wieder aus dem Konventionellen heraus zu individueller Bedeutung.

Eine Szene, wie die in er Wohnung des Mr. Hide, als der Besessene die zarte Grace betastet, sie dann laufen läßt, sich an ihrer Angst weidet, ihr befiehlt, zum Trinken zu holen und den Mantel anzuziehen, wie da alles in den Händen liegt, diesen zuckenden, gierigen Gliedern -- dies ist pantomimische Kunst im besten Sinne.

Die Gestalt der Grace, der von Dr. Jekyll geliebten Tochter seines Freundes, war bei Margarete Schlegel gut aufgehoben; in ihrem Spiel lag eine gewisse schüchterne Zurückhaltung, die angenehm wirkte. Zu wilde Gesten und Grimassen hätten wie eine Nacheiferung Veidts ausgesehen und dessen Effekte gestört.

Auch Magnus Stifter als Rechtsanwalt Utterson war gut in Spiel und Ausdruck.

Die Regie (Murnau) hatte geschmackvolle und manchmal wirklich englisch anmutende Interieurs geschaffen, die nobel, aber nicht protzig wirkten. Viele Szenen spielen in einem dämmrigen Halblicht, das die Phantastik bedeutend unterstützt, so ist z.B. die Szene auf dem Platz, als Hide das Kind überfällt, von schauriger Glaubwürdigkeit.

Es wäre vielleicht gut gewesen, auch die Szenen, in denen die rationalistische Glaubfähigkeit des Zuschauers stark auf die Probe gestellt wird, in mystisches Halbdunkel zu hüllen, die Bilder aus dem Laboratorium, der Traum u.a. hätten dadurch noch gewonnen. Denn so prachtvoll Veidt den jähen Übergang vom Gentleman zum Raubmenschen spielt, so seltsam ist der Wandel, den seine Frisur dabei durchmacht, die plötzlich vom struppigen Schopf zur mondänen Glätte gebändigt erscheint. Je mehr solche Dinge aus dem zu hellen Schein der Lampen in die Dämmerung der Wirklichkeitsgrenzen verlegt werden, desto stärker wird der künstlerische Eindruck sein.

Der Gesamteindruck aber, der durch geschicktes Entfernen kleiner Unebenheiten und Bedenklichkeiten erhöht werden kann, ist der einer sehr guten und wirkungsvollen Leistung.

Das Phantastische im Film ist nun längst als Gewinn anerkannt, die Möglichkeiten des Grausigen und Schrecklichen, des Seelisch-Düstern und Unheimlichen sind fast bis auf alle Nuancen abgewandelt.

Wann kommt nun der fröhliche phantastische Film, das Spiel, das uns die Sinnlosigkeit des Lebens und den Zwiespalt unserer Seelen nicht noch schwerer empfinden läßt, sondern uns erleichtert und uns fröhlich macht?

Film-Kurier (Berlin) vol. 2, no. 89, 29 Apr 1920, p. 1.

Anonymous
Der literarische Film
[Double review of "Die entfesselte Menschheit" (Nivo) and "Schrecken" (Lipow), excerpt]


[... p. 18:] Die neu begründete Lipow-Film-Gesellschaft hat der Presse in diesen Tagen ihr neues Filmwerk unter dem Titel "Schrecken" vorführen können. Wenn man den Films der vielen Neugründungen oft sehr skeptisch gegenüber steht, weil viele Unberufene sich zur Herstellung von Films berufen fühlen, so darf man das Mißtrauen dieser Firma gegenüber von vornherein fallen lassen, weil der Inhaber ein alter Fachmann ist. So ist es auch zu erklären, daß schon der erste Film von zweifellos guter Qualität ist und dem Geschmack des großen Publikums Rechnung trägt.

Der Film "Schrecken" hat das Phantastische zum Grundton. Das Sujet ist aufgebaut auf der Handlung des bekannten Romans von Stevenson, in dem die Doppelnatur eines Dr. Jeckyll geschildert wird. Dieser Gentlemen wohnt in einer luxuriösen Wohnung und verkehrt mit den ersten Kreisen, aber das Böse in ihm tritt periodenweise so in Erscheinung, daß er in einem gewissen Dämmerzustand alle möglichen Verbrechen verübt.

Die Hauptrolle dieses Dr. Jeckyll hat Conrad Veidt in geradezu bewunderungswürdiger Virtuosität zur Darstellung gebracht. Auf der einen Seite der elegante Lebemann, auf der anderen Seite die Verbrechernatur, die dem Zwange gehorchend alle Schandtaten ausführt. Nur ein Künstler wie Veidt war einer solchen Rolle gewachsen.

Neben ihn tritt in der weiblichen Hauptrolle Frl. Margarete Schlegel besonders hervor, die ihrer Rolle als Grace eine starke dramatische Wirkung zu geben versteht.

Die Regie, für die Herr Neumann zeichnet, versteht es, dem Ganzen ein einheitliches Gepräge zu geben. Die Interieurs sind sehr geschmackvoll gestellt, die einzelnen Bilder von guter plastischer Wirkung. Die Handlung ist von Akt zu Akt dramatisch sich steigend aufgebaut und erregt bei dem Beschauer bis zum Schluß das gleiche Interesse. Alles in Allem: Es ist ein guter Publikumsfilm mit starken künstlerischen Akzenten.

Lichtbild-Bühne (Berlin) vol. 13, no. 18, 01 May 1920, pp. 17-18.

L. K. Fredrik
"Der Januskopf"
Marmorhaus


Es spukt mancherlei in diesem Film, den Hans Janowitz nach einer englischen Idee bearbeitet hat. Sagt er. Es mag auch sein, daß das zutrifft. Jedenfalls sind dann in dieser englischen Idee allerhand Elemente enthalten, denen man in Edgar Allan Poe, noch mehr in Oskar Wilde, im "Studenten von Prag" und, in gewissem Sinne, auch in "Trilby" begegnet sein dürfte. Die Patenschaft ist also zahlreich. Daß sie gut ist, zeugt für den guten Geschmack dessen, den die Idee befiel, und des Herrn Janowitz. Irgendwie, irgendwo und irgendwann ist sogar einmal ein seltsam verwandtes Sujet aufgegriffen und verarbeitet worden. Jedenfalls kann es eindrucksvoll nicht geschehen sein, da die Erinnerung daran nur verschwommen ist. Es muß zugegeben werden, daß der Vorwurf zur Verarbeitung lockt.

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Wie diese Aufgabe bewältigt wurde, dafür legte am ausgezeichnetsten Conrad Veidts Glanzleistung Zeugnis ab. Mit ihm, den Darsteller des Dr. Warren, fiel oder gelang der ganze Plan. Er gelang. Das ist die Hauptsache und erweist die Berechtigung, die Verfasser und Regie besaßen, nach diesem Stoff zu greifen.

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"Der Januskopf" -- "Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust." Aber nicht die "materielle" Seele, die sich "in derber Liebeslust an die Welt mit klammernden Organen" hält, soll zur Illustration gelangen, sondern die Seele, die, durchzuckt von bösen Trieben, im Dienste des Bösen das Böse will und auch das Böse, nur das Böse schafft. Nicht steht der Erfolg als veredelnder Ausgleich, wie hinter dem Faustschen Mephistopheles, hinter diesem verbrecherischen Tun. Die "derbe" Seele Goethes ist ein ganz nützliches und brauchbares Organ -- wollens doch nicht leugnen! Die "Gefilde hoher Ahnen" -- nun schön -- aber auch der Augenblick hat seinen Reiz und seine Freude. Goethes Mephisto ist geradezu ein Engel gegen diesen Dr. Warren, der als O'Connor Verbrechen über Verbrechen begeht. Und Goethes Dr. Faust, der die andere, die "edle" Seele, die sich "gewaltsam von dem Duft trennen" will ("wer immer strebend sich bemüht" etc.), verkörpert, verhält sich dem edleren Teil des Doktor Warren gegenüber wie ein Eichbaum zum Grashalm. Von den Guttaten des Dr. Warren erfahren wir nichts, es sei denn die (von Conrad Veidt meisterlich) angedeutete Reue, bisweilen Verzweiflung über das andere "Ich".

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Also so ganz ist es dem Forscher, eben diesem Dr. Warren, doch nicht gelungen, das Gute vom Bösen im Menschen zu scheiden. Sonst wüßte das Gute vom Bösen so wenig, wie das Böse es vom Guten weiß, wenn es an der Tat ist. Sonst dürfte nicht allein das Böse in Tatendrang schwelgen, sonst müßte das auch das Gute. Was indes, wie gesagt, nicht der Fall ist. Dr. Warren ist für gewöhnlich ein ganz normaler Mensch. Nur wenn er sein "böses" Elixier verschluckt hat, dann wird er die Bestie, die da mordet und schändet, die Kinder und Greise zu Opfern sich auswählt, die mit gierigen Augen und gierigen Händen in fremden Schmerzen wühlt. Er wird es dann schon äußerlich -- der sympathische, gerade gewachsene, nette, junge Mann (der Herr Veidt -- bitte, sich zu überzeugen! -- in Wirklichkeit ist) wird zu einem krummrückigen, gedruckten, lauernden, haarigen, affenartigen Subjekt. Dr. Warren ist dann O'Connor und zieht auf Verbrechen aus, und Verbrecher sind seine Schlepper und Helfer. Dr. Warren hat also eigentlich nur das Elixier des Bösen gefunden. Daß es über ihn Gewalt gewinnt, ist sein persönliches Pech. Er erhofft -- ganz Fliegender Holländer! -- Erlösung durch die Liebe eines reinen Mädchens oder die reine Liebe eines Mädchens. Aber hat er nicht dieses Mädchen als O'Connor befleckt? Hat er diese Liebe nicht selbst beschmutzt, indem er überhaupt zuließ, daß in ihr Zweifel über ihn aufstiegen? Gewiß! Deshalb wird ihm Mädchen wie Liebe versagt, und (da er sich durchaus nicht immer strebend bemüht hat) muß er sterben. Eben noch Dr. Warren, aber von dem Drang besessen O'Connor zu werden und nicht mehr im Besitze des Gegengiftes, das die Wirkungen der vielen Dosen Bosheitselixier paralysieren könnte.

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Man sieht scharf, logschiert hat der Verfasser die (englische) Idee nicht durchgeknetet. Sonst wäre dieser Schluß nicht möglich. Psychologisch ist festzustellen, daß Dr. Warren eine moralisch nicht ganz taktfeste Natur sein muß. Das Böse kann nur Wurzel schlagen, wo es Boden findet. Und bei Dr. Warren findet es sehr guten Boden. Darüber bliebe keine Täuschung. Darüber helfen auch keine Reue und keine Verzweiflung (selbst Conrad Veidts nicht) hinweg.

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Wie bemerkt -- die ganze Filmtragödie, die aus einem Vorspiel (das eigentlich nicht nötig gewesen wäre, "Alraune" hat nämlich, wenn auch anders, auch eines!) und sechs Akten besteht, (von denen der vierte und fünfte besser zusammengezogen worden wären) steht und fällt mit dem Darsteller des Dr. Warren -- O'Connor. Conrad Veidt besitzt das weltmännisch-elegante, gentlemenlike-Gelassene, vornehm-Blasierte, das Geistige, das Durchgeistigte, die Ruhe des großen Herrn von Welt. Und er ist andererseits von scharfer Charakteristik, von eindrucksvoller Geste, zwingender Mimik und grotesk-abscheulichen Möglichkeiten. Er hat eine erstaunliche Leistung vollbracht, für die ihm Verfasser und Regisseur herzlich Dank wissen sollen. Über ihn steht Margarete Schlegel als die reine Unschuld, die ihm die Erlösungstat schließlich versagt und (noch nicht ganz vollendet im Ausdruck) über die Erkenntnis, daß Dr. Warren und O'Connor ein und dieselbe Person sind, vor Entsetzen den Verstand verliert. Sie spielt jung und schlank und eindrucksvoll. Auch die übrige Besetzung war durchaus gut. Magnus Stifter, Magarete Kupfer, Gustav Bötz, Willy Kaiser-Heyhl, Jaro Fürth, Marga Reuter, Lanja Rudolph, Danny Gürtler (!) nannte der Theaterzettel. Andere verschwieg er.

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Der Regisseur F. W. Murnau war ausgezeichnet. Einige Kürzungen, leicht zu bewerkstelligen, würden gut tun. Verschließen des Testaments im Geldschrank -- selbstverständlich. Die Massenszenen am Obelisk (es war doch einer?) aus dem Traum -- überflüssig und sogar störend. Dann die Aktzusammenschweißung! Sonst aber alles tadellos. Wie die Photographie, die stellenweise glänzend war. Die Augen O'Connor -- ausgezeichnet. Den Herren Freund und Hoffmann Lob zu sagen, ist Überflüssigkeit. Dekorateur Richter ist ein Meister in seinem Fach.

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Ein Publikumsfilm? -- Wir bezweifeln es. So gut er auch sonst ist. Die Überspannung des Grausigen (ohne psychologische Notwendigkeit und den Gegenklang des Guten), die katastrophale Disharmonie, in der der Film ausklingen muß, dazu eine gewisse Verzwicktheit der Handlung, die erst am Schluß und etwás weitschweifig gelöst wird (wenn sich die Spannung auch bereits etwas gelockert hat) -- das alles entspricht nicht so durchaus dem nach leichter Ware begehrenden Publikum. Der Film wird vor erlesenem Kreise immer wirken; die anderen sehen nur die Sensationen in ihm, die Nebensache sind und ihnen deshalb längst nicht kraß genug gegeben sein dürften. Erfolg nach dem starken zweiten und dritten Akt und dem Schluß. Man feierte Veidt. Wie es sich gebührte.

Film-Kurier (Berlin) vol. 2, no. 190, 27 Aug 1920, p. 2.

rg
Der Januskopf


Als der Veidt-Film, der am Donnerstag über die weiße Wand des Marmorhauses lief, noch den weit glücklicheren Namen "Schrecken" führte, widmeten wir ihm bereits einen Artikel. Heute sei daher nur festgestellt, daß der Film sonst (d.h. bis auf den Titel) nichts eingebüßt hat und durch seine athemraubende Spannung den großen Erfolg errang, den wir ihm prophezeihten. Conrad Veidt sei zu seiner nicht übertreffenden Meisterleistung herzlich beglückwünscht und ebenso der Bioscop-Verleih zum Erwerb dieses Kabinettstückes.

Lichtbild-Bühne (Berlin) vol. 13, no. 35, 28 Aug 1920, p. 39.

t
Januskopf


Der Detektivfilm ist erschöpft, das Gesellschaftsdrama auf der stummen Leinwand nicht variationsfähig genug -- bleibt als das dankbarste Gebiet für den Filmautor das Reich des Wunderbaren. "Caligari" war bewußt aus dem Zeitmilieu hinweg in ein bizarres Traumland verlegt, der "Januskopf" von Hans Janowitz bewegt sich dagegen absichtsvoll "am Rande der Wirklichkeit". In den Rahmen der Alltagsumgebung eingeengt, wirkt das Unheimliche um so explosiver. Die Novelle, die dem Film zugrundeliegt, ist eine der besten und -- quälendsten Doppelgängergeschichten, kompliziert in der Exposition und kompliziert in der Spannungsmomente häufenden Steigerung zur Katastrophe. Daß davon bei der Umschöpfung in den Film nichts verlorenging, ist eine außerordentliche Leistung, ist Neu- nicht Umschöpfung. Der Film kann nicht erzählen; wer ihn dazu zwingt, der drosselt ihm mit den lang sich abspulenden Bändern die dramatische Lebensluft ab. Der Film kann nur klug herausgeschnittene Episoden bringen und diese Episoden müssen aus den eigensten Mitteln der Inszenierung noch intensiver gestaltet werden. Das spannendste Buch kann ohne diesen Zuschuß eigener Gestaltungsfähigkeit zum langweiligsten Drama werden. Alle diese Klippen sind hier überwunden. Eingestreute Einfälle, wie die Unterstreichung eines sensationellen Mordes durch das tolle Ausschwärmen einer Schar von Zeitungsjungen, wie der Angsttraum, in dem eine unheimliche Gestalt sich zu einem tobenden Haufen einander völlig gleicher Gespenster vervielfältigt, solche Einfälle zeugen von einer glücklichen Hand. Schade nur, daß die Zuschauer zu rasch über das Geheimnis der Doppelexistenz des Helden sich klar werden und so ein Teil des Spannungsreizes verfliegt, nur weil ein Bart ein wenig zu locker geklebt ist. Konrad Veidt, der die zweifache Rolle mit erstaunlicher Wandlungsfähigkeit spielt, chargiert das grotesk scheußliche Gebaren seines Doppelgängers ein wenig zu zwanghaft. Das Unheimliche muß selbstverständlich sein, um umheimlich zu wirken. Aber es wird -- auch um ihn herum -- gut gespielt. Und außerdem sind die Bilder im Ausschnitt wie in der Lichtwirkung ausgezeichnet. Man hat, um die Schwarzweißmalerei von Licht und Schatten fest in der Hand zu haben, für einen Teil der Straßenszenen eigens plastische Kulissen erbaut, und das Experiment hat sich gelohnt. Im Parkett rebellierte einer im Namen der realen Möglichkeit gegen die spukhafte Verwandlung des Helden und schien sich nach einem ersatz-realistischen Sittenfilm zu sehnen, aber er blieb in der hoffnungslosen Minderheit.

Berliner Börsen-Courier 29 Aug 1920 (early edition), p. 7.

P--l [Fritz Podehl]
Der Januskopf
Uraufführung: Marmorhaus


Um es vorweg zu nehmen: Dieser 6 Akter "nach dem Englischen", von Hans Janowitz für den Film eingerichtet, von Fred Murnau inszeniert, von der Decla-Bioscop herausgebracht, hat Zukunft, ist einer der stärksten Eindrücke der letzten Zeit.

Ein Dr. Warren setzt in Gegenwart seines Freundes und Anwalts sein Testament auf, vermacht einem völlig Unbekannten sein ganzes Vermögen, ohne sich auf irgend eine Erklärung dieser wunderbaren Bestimmung einzulassen, die noch sonderbarer erscheint, als einige Zeit später der Name des Unbekannten -- O'Connor -- mit einem Verbrecher in Verbindung gebracht wird, der eine Anzahl scheußlichster Untaten verübt. Schließlich stellt sich heraus, daß Dr. Warren und O'Connor ein und dieselbe Person sind. Warren glaubte an die mögliche Trennung der Elemente des Guten und Bösen im Menschen, erfand ein Elixier, kraft dessen er sie getrennt zu materialisieren vermochte, experimentierte mit sich selbst, verwandelte sich in ein Scheusal, äußerlich so teuflisch wie innerlich, beging in diesem Zustande die geheimnisvollen Verbrechen, verwandelte sich durch ein Gegenelixier zurück in seine normale Gestalt. Das Experiment reizte ihn zur häufigen Wiederholung, das "O'Connor -- Sein" kam schließlich ohne Medikament, die Rückverwandlung wurde dagegen immer schwerer; nur eine Apotheke führte das Hauptgift des Gegenmittels, das eines Tages nicht mehr zu beschaffen war. Dr. Warren blieb O'Connor, die Polizei heftete sich an seine Fersen, er tötet sich selbst, nachdem er seinem Freunde in einem Briefe das entsetzliche Geheimnis gestanden hat.

Man entschuldigt Unwahrscheinlichkeiten des Inhalts, den des Aufbaus durch Untertitel; hier: "Eine Tragödie am Rande der Wirklichkeit". So muß man das Phantastische gelten lassen. Es hat hier außerdem den Vorzug fabelhaftester Spannung, und ist in sich nicht unwahrscheinlich. Zudem wird glänzend gespielt, ist die Photographie ausgezeichnet, der Film gut geschnitten, auch sonst technisch raffiniert und abgesehen von einem matteren fünften Akt mit erheblichem Geschmack behandelt.

Conrad Veidt ist Dr. Warren -- O'Connor, nur halb er selbst, halb Werner Krauß, jedoch sehr stark im Spiel. Ein Filmgewinn auch die junge Margarete Schlegel, vorläufig noch um ein Geringes zu sehr im Bühnenstil befangen. Den Freund gab Magnus Stifter unaufdringlich vornehm. Willi Kaiser-Heyl, Margarete Kupfer, Danny Gürtler erschienen über eigene Durchschnittsleistungen weit hinausgehoben.

Alles in allem: Seltene Qualität und doch ein Publikumserfolg.

Der Film (Berlin) vol. 5, no. 36, 04 Sep 1920, p. 38.

L. B. [Ludwig Brauner]
Der Januskopf


Eine Tragödie am Rande der Wirklichkeit, sechs Akte, nach dem Englischen, von Hans Janowitz. Regie: F.W. Murnau; Dekorationen: H. Richter; Photographie: Karl Freund und Karl Hoffmann. Fabrikat: Decla-Bioscop-Sensations-Klasse. Verleih: Decla-Bioscop, Berlin SW.

Das Phantastische der Handlung ist bereits in dem Untertitel "Eine Tragödie am Rande der Wirklichkeit" angedeutet. Ein vornehmer und reicher Londoner, Dr. Warren, Dr. med. und Dr. phil., beschäftigt sich lebhaft mit dem Problem der Trennung der beiden Elemente des Guten und des Bösen im Menschen. Seinen rastlosen Forschungen ist es gelungen, ein Elixier zu finden, das diese Trennung ermöglicht, gleichzeitig aber auch ein Gegenmittel, das die verhängnisvolle Wirkung wieder aufhebt. Die Probe, der er sich selbst unterzieht, ist von furchtbarer Wirkung. Der Geist des Bösen in ihm wird frei und macht ihn zu einem Unmenschen, dessen äußere Gestalt sich seinem Innern gleich grauenhaft verändert. In dieser Gestalt, in der er sich den Namen O’Connar zulegt und für die er eine besondere Wohnung draußen in Whitechapel, im Verbrecherviertel Londons, mietet, begeht er allerlei Verbrechen, erschlägt in bestialischer Weise einen Menschen und raubt die liebliche Grace, die Tochter eines alten Freundes, von deren Reinheit er Erlösung hoffte. Denn der unheimliche Drang, der ihn immer wieder zu dem verhängnisvollen Elixier treibt, wird immer stärker, schließlich bemerkt er mit Schrecken, daß die Veränderung von selbst eintritt, in immer kürzeren Pausen, und daß selbst die doppelte und dreifache Dosis des Gegenmittels nur für kurze Zeit hilft. Wegen der Verbrechen verfolgt, kann er eines Tages nicht in seine Wohnung zurück. Der Grundstoff des Gegenmittels ist in den Apotheken ausgegangen und erst in Wochen wieder zu haben. Nur eine Dosis für einmal ist noch in seinem Laboratorium vorhanden, und er bittet seinen alten Freund Laue durch einen Brief, sie zu holen und nach seiner (Laues) Wohnung zu bringen. Hier verwandelt er sich ein letztes Mal vor des Freundes Augen in den Dr. Warren zurück. Der alte Herr stirbt vor Schreck, seine Tochter Grace, die ebenfalls Augenzeugin gewesen ist, wird wahnsinnig. Warren rast nun in seine Wohnung zurück, um seinem Leben ein Ende zu machen. Vorher setzt er noch eine Beichte an einen anderen Freund auf, aber noch während des Schreibens verwandelt er sich wieder in den scheußlichen alten O’Connar und der herbeigeeilte Freund findet die Leiche O’Connars, mit dem Brief in der Hand, der ihm das Rätsel löst.

Die ganz auf Sensation gestellte Handlung ist packend von Anfang bis zu Ende; die, wenn man so sagen kann, bei offener Szene eintretenden Verwandlungen sind ein technisches Meisterstück von vollendeter Wirkung. Hier ist der Film dem Theater überlegen. Was auf der Bühne einfach unmöglich ist, vollzieht sich auf der weißen Wand mit verblüffender Selbstverständlichkeit: Das schmale, durchgeistigte Antlitz Conrad Veidts, der den Dr. Warren mit glänzender Beherrschung der Rolle spielt, verwandelt sich fast unmerklich in eine widerwärtige, wildbehaarte, stopplige Fratze, die Gestalt krümmt sich, wird ein vollkommen anderer Mensch. Etwas störend wirkten nur einige Großaufnahmen, bei denen man die Maske zu deutlich sah. Conrad Veidt hat es in der Darstellung derartiger bizarrer Gestalten zu einer fabelhaften Virtuosität gebracht und überrascht immer wieder durch neue Ausdrucksmöglichkeiten. Neben ihm waren Willy Kaiser-Heyl, Magnus Stifter, Margarete Schlegel sowie alle übrigen Darsteller durchaus auf der Höhe. Unter den photographisch sehr guten und szenisch reich ausgestalteten Bildern fielen besonders einige blau viragierte, nächtliche Straßenbilder auf, Atelieraufnahmen mit hübschen Lichteffekten.

Der Kinematograph (Düsseldorf) vol. 14, no. 712, 05 Sep 1920.



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NOTES



Hans Yanow, Autor des Dramas "Ewiger Strom", dessen Schilderung in der letzten Nummer des "Illustrierten Filmkurier" enthalten war, hat ein neues Manuscript beendet, das von der Veidt-Film-Ges. erworben wurde und unter Regie F. W. Murnaus mit Conrad Veidt in der Titelrolle in Szene geht. Dieses Werk führt den Titel "Schrecken," eine Tragödie am Rande der Wirklichkeit (nach Stevenson).

Film-Kurier (Berlin) vol. 2, no. 34, 10 Feb 1920, p. 3.



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ADAPTATIONS



Der Januskopf is an adaptation of the "Jekyll and Hyde" story. Here is a selected list indicating other important treatments of the subject.

1886 Robert Louis Stevenson The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde
Novella by Robert Louis Stevenson
Stevenson's original text. The Scottish author wrote his famous doppelganger / mad scientist novella allegedly based on a nightmare. It would become one of the three most well-known horror stories, inspiring hundreds of stage and film versions.

1920 John Barrymore, Brandon Hurst Dr. Jekyll and Mr. Hyde
Film USA, John S. Robertson

The most famous silent film version and first feature-length adaptation of Stevenson's original script sets the standard. It combines Stevenson's tale with Oscar Wilde's Picture of Dorian Gray, and adds the women's characters to the story. John Barrymore in the double rôle.

1932 Fredric March Dr. Jekyll and Mr. Hyde
Film USA, Rouben Mamoulian

Still counts as the best adaptation of the subject. Fredric March won an Oscar for his brilliant performance. The transformation scene was arguably film history's first 360 degree pan.

1941 Spencer Tracy Dr. Jekyll and Mr. Hyde
Film USA, Victor Fleming

MGM's effort to outdo the 1932 Paramount version stars Spencer Tracy in the title role, also Ingrid Bergman and Lana Turner.

1960 Paul Massie The Two Faces of Dr. Jekyll
Film GB, Terence Fisher

Hammer's merciless version shows an unsympathetic Jekyll versus a charming Hyde, both portrayed by Paul Massie.

1963 Jerry Lewis, Stella Stevens The Nutty Professor
Film USA, Jerry Lewis

Jerry Lewis plays both roles in this discourse about his former partner, Dean Martin: Jekyll is an ugly, clumsy Lewis-type guy, who transforms into a good-looking womanizing Martin-type Hyde. Remade by Eddie Murphy in 1996.

1975 Kirk Douglas, Kirk Douglas, Kirk Douglas and Kirk Douglas Dr. Jekyll and Mr. Hyde
TV Film GB, David Winters

He sings! Made for television, Kirk Douglas stars in this first Jekyll & Hyde Musical.

1990 Julia Roberts, John Malkovich Mary Reilly
Novel by Valerie Martin

A change of perspective: In this new novel, the story is seen from the pov of Jekyll's house-maid, played by Julia Roberts in the 1996 film adaptation by Stephen Frears, starring John Malkovich as Jekyll / Hyde.

1990 Michael Caine Jekyll & Hyde
TV Film GB/ USA, David Wickes

Wickes directed two tv mini-series in a Victorian setting, starring Michael Caine: Jack the Ripper (1988), in which Jekyll & Hyde is performed as a stage-play, and Jekyll & Hyde itself, both hugely successful.

1990 Jekyll and Hyde Jekyll & Hyde
Stage-play USA, Alley Theatre, Houston, Texas
Finally, horror has made it from Grand-Guignol to Broadway. The musical adaptation by Leslie Bricusse and Frank Wildhorn opens in Houston, starring Robert Evan as Jekyll & Hyde. After a hugely successful run, it opened on Broadway in 1995, and in 1999, the German language version opened in our home-town Bremen, starring Ethan Freeman who previously appeared e.g. as The Phantom of the Opera.




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Last update (this page): 21 Jul 2004.

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