DVD REVIEW

METROPOLIS SPECIAL EDITION (2 disc set)
Regional Code 2,
silent with musical score, b/w,
approx. 118 mins, English intertitles,
Eureka Video, catalogue no. EKA 40061,
released 27 Jan 2003
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    DVD Cover (Eureka Video)

Abstract in English: DVD of the year! Fritz Lang's classic in the latest reconstruction by Martin Koerber's Berlinale 2001 team. Large-scale restoration, brilliantly done, including Gottfried Huppertz' original score, optionally with audio commentary by film historian Enno Patalas. The second disc contains a documentary by Patalas and a featurette about the reconstruction by Koerber. Eureka Video, London is the first company to release this "must have" item, with releases in America and Germany to follow.

Die DVD des Jahres! Endlich ist sie erschienen: die ultimative Fassung von METROPOLIS, dem vermutlich meistgesehenen deutschen Film, oft veröffentlicht, aber eben oft auch in verstümmelten, verkürzten, unscharfen oder sonstwie veränderten Versionen. Diese neue Veröffentlichung auf DVD präsentiert den Film so komplett wie möglich, in gestochen scharfer Bildqualität, und einer fantastischen neuen Rekonstruktion, die gerade mal zwei Jahre alt ist und wohl so bald durch keine bessere ersetzt werden wird: die Bearbeitung, die Martin Koerber und sein Team zur Fritz-Lang-Retrospektive der Berlinale 2001 angefertigt haben. Dort wurde sie in einer feierlichen Premiere mit großem Orchester aufgeführt, jedoch mit kleinen Schönheitsfehlern: Die Rekonstruktion war noch nicht ganz fertig, und die neu komponierte Filmmusik von Bernd Schultheis (die auch bei der Arte-Fernsehausstrahlung im letzten Jahr eingesetzt wurde) war gelinde gesagt nicht jedermanns Sache. Zur DVD-Veröffentlichung, so wurde versprochen, würde die Rekonstruktion abgeschlossen sein, und es würde die brillante Originalmusik von Gottfried Huppertz eingespielt werden, die zur Berlinale 2001 nicht zur Verfügung stand. Die neue Fassung (inklusive Huppertz-Musik) liegt inzwischen in einer Verleihkopie fürs Kino vor, und jetzt auf DVD.

Die erste Disc enthält den Film, der besser wohl nur aussah bei seiner nur wenige Monate laufenden Erstaufführung von Januar bis Mai 1927 in Berlin. Damals gab es drei Original-Kameranegative, von denen verschiedene Fassungen zusammengeschnitten wurden. Eine, die so genannte Paramount-Fassung, ist im Original erhalten, die anderen, Ufa-Fassungen, nur in Kopien, allesamt unvollständig. Koerbers Team griff im Gegensatz zu anderen Rekonstruktionen hauptsächlich auf Material aus der Paramount-Fassung zurück, nicht nur weil dies eine fotografisch bessere Qualität versprach als die Ufa-Fassungen, sondern auch, weil man inzwischen annimmt, dass das Ufa-Negativ, von dem die vollständigste Kopie erhalten ist, nicht Material erster Wahl enthielt, sondern nur Ersatz war für das inzwischen verschlissene andere Ufa-Negativ mit besserem Material (siehe Koerbers Notizen zur Überlieferung des Films Metropolis in Jacobsen, Sudendorf (Hg.): Metropolis, Ein filmisches Laboratorium der modernen Architektur, S. 216). METROPOLIS ist ein Film, von dem über ein Viertel des Materials der Premierenfassung wohl unwiderruflich zerstört ist. Jedoch wissen wir aus unterschiedlichen Quellen eine Menge darüber, wie der Film ursprünglich ausgesehen hat. So wurden einige fehlende Passagen in durch den Schrifttyp erkennbaren Zwischentiteln beschrieben. Kürzere fehlende Stücke, deren Kenntnis für das Verständnis des Geschehens nicht wichtig ist, wurden durch kleine Stücke Schwarzfilm markiert. Die englischen Zwischentitel auf der DVD erscheinen -- genauso sorgfältig rekonstruiert wie in der deutschen Rekonstruktion -- in der originalen grafischen Gestalt der Premierenfassung: eine Rarität bei fremdsprachigen Fassungen, die das Ansehen zum Vergnügen macht. Die Huppertz-Partitur wurde eingespielt vom Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken, dirigiert von Berndt Heller, präsentiert in Dolby Digital Stereo und Dolby Digital 5.1. Auf einer weiteren Tonspur steht zur Auswahl ein Audio-Kommentar von Enno Patalas, der sich wie kein Zweiter um die Rekonstruktion METROPOLIS' verdient gemacht hat. Die vorliegende neue Rekonstruktion basiert auf seiner Vorarbeit und seinen für das Münchner Filmmuseum angefertigten vorherigen Rekonstruktionen. Der Audio-Kommentar basiert auf seinem Buch Metropolis in / aus Trümmern, inklusive der Anmerkungen zur Musik von Rainer Fabich. In dieser Fassung wird er von einem englischen Sprecher gelesen (David Cooke), "leider erschwert eine wacklige Übersetzung das Verständnis bestimmter Passagen", kommentierte ein britischer Rezensent. In der deutschen Fassung wird der Text wohl, so wie allgemein üblich, vom Autor gelesen werden.

Die zweite Disc enthält diverse Extras, von denen das Highlight die 44minütige Dokumentation The Metropolis Case von Patalas ist, ein wunderschöner Kurzfilm über die Entstehung, Verbreitung und auch Verstückelung und Bearbeitung von METROPOLIS. So enthält die Dokumentation Ausschnitte aus Channing Pollocks berüchtigter Version für den amerikanischen Markt, in der Joh Fredersen John Masterman heißt und Rotwang nicht sein Rivale ist, sondern sein Assistent, den er beauftragt, Roboter zu schaffen, die die Arbeiter der Stadt ersetzen sollen. Weitere Ausschnitte gibt es aus vielen zeitgenössischen Filmen, z.B. HILDE WARREN UND DER TOD (1917), DIE PUPPE (1919), DAS CABINET DES DR. CALIGARI (1920), VON MORGENS BIS MITTERNACHT (1920), SPIONE (1928) und FRAU IM MOND (1929), und aus Interviews mit Fritz Lang und Eugen Schüfftan. Hier hätten wir uns gewünscht -- den Platz ausnutzend, den eine DVD bietet -- das eine oder andere Interview aus den Schatzkammern der Filmarchive einmal in voller Länge präsentiert zu bekommen. Auch die vorherigen Special Editions von DER BLAUE ENGEL und M haben diese Möglichkeit nicht ausgenutzt. In einem zweiten, wesentlich kürzeren Film (etwa neun Minuten) gibt Martin Koerber einige Kommentare zur neuen Rekonstruktion, illustriert mit praktischen Beispielen. (Einen weiteren Einblick in die digitale Rekonstruktion bietet die Website der damit beauftragten Firma Alpha-Omega aus München.) Außerdem auf der zweiten Disc: Umfangreiche Bildergallerien, Biografien und Stabsangaben.

Eine DVD müsste man machen, hatte Patalas in Metropolis in / aus Trümmern geschrieben, "(n)icht, wie üblich, eine Fassung mit "Extras", "Bonusmaterial", sondern auf den verschiedenen Spuren, kombiniert, koordiniert, Einstellungen und Zwischentitel, Einstellungs- und Szenenfolgen in ihren Varianten; eine Aufzeichnung der Huppertz-Musik (oder mehrere, kleine, große Besetzung); die Stand- und Arbeitsfotos; Drehbuch, Partitur, Zensurkarten zum Mitlesen -- dem Betrachter anheimgegeben zur eigenen Montage." (S. 12) Diese interaktive DVD, die es dem Benutzer ermöglicht, den Film und seine verschiedenen Varianten zu erforschen, ist das vorliegende Produkt nicht geworden. Aber eines ist es mit Sicherheit: die perfekte Präsentation der bisher besten Rekonstruktion dieses bedeutenden Films. Wer METROPOLIS zu Hause zur Verfügung haben will, kann auf diese neue DVD nicht verzichten (denn Patalas' Traum-DVD wird wahrscheinlich in den nächsten zwanzig Jahren nicht erscheinen). Peinlich: Die DVD ist zuerst im Ausland erschienen. Eureka Video, London hat mit der Erstveröffentlichung in Europa einen großen Wurf gemacht, die Firma, die bereits 1999 eine schön aufgemachte METROPOLIS-DVD veröffentlicht, deren Hauptattraktion, den Film, aber in einer miserablen Qualität dargeboten hatte. Die Neuveröffentlichung entschädigt für die damalige Enttäuschung, und die alte Fassung wird jetzt hoffentlich aus dem Verkehr gezogen! Eine Veröffentlichung der Special Edition in Amerika ist angekündigt für den 18.02.2003, in Deutschland erst für den 07.04.2003.

Zusatz: Inzwischen ist sowohl die deutsche DVD erschienen, mit sehr viel mehr Sprachversionen als die englische Fassung, als auch in einem von Patalas geleiteten Projekt der Universität der Künste, Berlin, die DVD-Studienfassung.

OLAF BRILL
16 Feb 2003
updated 20 Feb 2006

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Last update (this page): 20 Feb 2006.

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