DVD REVIEW

YOU AND ME
(1938, DU UND ICH)

Regional Code 2
English with (optional) German subtitles, b/w
approx. 90 mins
Koch Media
released 03 Dec 2010

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THE WOMAN IN THE WINDOW
(1944, GEFÄHRLICHE
BEGEGNUNG)

Regional Code 2
English, German, b/w
approx. 96 mins
EuroVideo
released 17 Feb 2011

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    Fritz Lang films

Fritz Lang kennen wir als großen Regisseur deutscher Filme der 1920er Jahre, etwa DR. MABUSE, DER SPIELER und METROPOLIS. Doch in den 1930er Jahren nach Amerika emigriert, hat Lang die längste Zeit seiner Karriere damit verbracht, Hollywood-Filme zu inszenieren. Aus Europa weitreichende künstlerische Kontrolle über seine Filme gewohnt, musste Lang sich zwar nun ins Hollywood-Studiosystem einpassen und immer wieder Eingriffen von Produzenten fügen, dennoch sind viele seiner amerikanischen Filme besser und persönlicher geraten als die deutschen: Immer wieder gelang es ihm, mit klarem Stil die Auseinandersetzung mit Themen fortzusetzen, die ihn sein Leben lang beschäftigten. Jetzt sind wieder einmal zwei amerikanische Filme Langs in Deutschland auf DVD erschienen: YOU AND ME (Du und Ich) aus dem Jahr 1938 und THE WOMAN IN THE WINDOW (Gefährliche Begegnung) aus dem Jahr 1944. Ein Flop und ein Klassiker.

Das zentrale Thema in Langs Werk, die Auseinandersetzung mit Verbrechen und Schuld, ist auch Thema dieser beiden Filme. Schon in den ersten beiden Filmen, die Lang 1936 für Metro-Goldwyn-Mayer in Hollywood inszenierte, hatte er sich mit Figuren beschäftigt, die schuldig oder unschuldig auf die schiefe Bahn geraten waren: Spencer Tracy in FURY (Blinde Wut) und Henry Fonda in YOU ONLY LIVE ONCE (Gehetzt). Dann wechselte Lang zur Paramount und drehte 1938 YOU AND ME mit George Raft und Sylvia Sidney als vorbestraftes Paar, das versucht, statt erneut dem Verbrechen zu verfallen, sich wieder in die bürgerliche Welt einzugliedern. Sidney spielt hier zum dritten Mal in Folge in einem Lang-Film.

YOU AND ME ist Langs Versuch, ein "Lehrstück" nach brechtschem Vorbild zu inszenieren: Die Handlung spielt hauptsächlich in einem Kaufhaus, das wohl als Mini-Amerika und Sinnbild des Kapitalismus amerikanischer Prägung dienen soll. Ausgerechnet dessen Besitzer hat eine soziale Vision: Er will ehemaligen Strafgefangenen die Resozialisation ermöglichen und stellt daher besonders gerne Vorbestrafte an. Im Mittelpunkt steht ein Liebespaar mit krimineller Vergangenheit (Raft und Sidney). Während er sich seinen ehemaligen Kumpanen anschließt, die nun allesamt als Angestellte des Kaufhauses arbeiten und nichts Besseres zu tun haben als den Versuch zu unternehmen, dieses Kaufhaus auszurauben, versucht sie, Liebe und Ehrlichkeit zum Sieg zu verhelfen. Am Ende rechnet die Frau den Männern vor, dass sich Verbrechen nicht lohnt. "Eine Lüge", kommentierte Lang später, "denn Verbrechen machen sich sehr gut bezahlt."

Als Musical geplant, ist der Film Langs einzige Zusammenarbeit mit Kurt Weill, die jedoch mittendrin abgebrochen wurde: Weill hatte keine Lust, weiter mit dem "aufgeblasenen" Lang zu arbeiten und ging stattdessen lieber nach New York. Die Arbeit an der Musik wurde von Boris Morros fortgesetzt. Die von Weill übrig gebliebenen drei Musiknummern sind jedoch Höhepunkte des Films, besonders der "Knocking Song", mit dem die Ex-Häftlinge in Erinnerungen ans Gefängnis schwelgen. Dennoch ist der Film künstlerisch und kommerziell misslungen und stellt Langs vielleicht größten Flop dar. Nach diesen ersten drei amerikanischen Gangsterfilmen wechselte er das Genre, drehte zunächst zwei Western, dann drei Anti-Nazi-Filme.

In Langs Filmographie finden sich oft solche "Paare" oder "Drillinge" von Filmen, die Variationen eines Themas darstellen: So folgten 1944/45 zwei Filme über einen älteren Mann, der einer jüngeren Frau verfällt, jeweils dargestellt von Edward G. Robinson und Joan Bennett. Beide Filme, THE WOMAN IN THE WINDOW und SCARLET STREET, können als Klassiker des Film Noir gelten, wobei WOMAN die leichtfüßige und STREET die böse Variante darstellt: Robinson spielt liebenswerte, kleine Männer, deren Leben durch die Begegnung mit Bennett aus den Fugen gerät. In beiden Filmen verkörpert Dan Duryea hinterhältige Typen, die versuchen, aus der Situation ihren Vorteil zu ziehen, und in beiden Filmen spielen Gemälde eine zentrale Rolle, ein Rückgriff auf Langs Vergangenheit als Maler.

THE WOMAN IN THE WINDOW ist ein Suspense-Krimi in Hitchcock-Manier: Ein ehrbarer Professor stürzt ins Unglück, als eine harmlose Schwärmerei für ein in einem Schaufenster ausgestelltes Frauenporträt dazu führt, dass er die porträtierte Frau leibhaftig kennenlernt und in Notwehr ihren eifersüchtigen Liebhaber tötet. Unversehens sitzt er in einem Wagen mit einer Leiche im Kofferraum, die er im Wald verschwinden lassen will: Wieder einmal ist ein Lang-Held durch unglückliche Umstände schuldig geworden, und die Jagd auf ihn wird eröffnet. Der Zuschauer erlebt den Film aus Sicht des Täters, der immerfort unbedacht weitere Verdachtsmomente gegen sich erzeugt, bis er nicht mehr weiter weiß. Das ist sozusagen COLUMBO ohne Columbo, und wer den Film noch nicht kennt, der darf einmal raten, ob alles gut ausgeht. Lang hat das Ende des Films später mit dem CABINET DES DR. CALIGARI verglichen.

Während THE WOMAN IN THE WINDOW der bessere, aber auch der bekanntere, Film ist, ist die DVD des misslungenen und unbekannteren Films YOU AND ME besser gelungen: Nicht nur bekommen wir den schwer zu beschaffenen Film nun endlich einmal als Kauf-DVD geboten (im englischen Originalton mit zuschaltbaren deutschen Untertiteln), die DVD enthält auch einen Trailer, eine Bildergalerie und vor allem ein 12-seitiges Booklet mit einem schönen und informativen Text von Thomas Willmann. Die DVD von THE WOMAN IN THE WINDOW dagegen kommt eher schlicht daher: Sie enthält neben dem Film in englischem und deutschem Ton kein nennenswertes Zusatzmaterial. Immerhin wird für Leute, die die auf dem Cover vorgeschriebene FSK-Kennzeichnung nicht mögen, ein Wendecover zum Umdrehen geboten.

OLAF BRILL
28 Feb 2011

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filmhistoriker.de, edited by olaf brill.

Last update (this page): 28 Feb 2011.

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